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 ... zu dem Artikel von Jochen Stadler „Warum wir Tierversuche brauchen, falls wir nicht auf Antibiotika, Impfstoffe, Insulin, Implantate verzichten wollen. Eine Geschichte gegen die Scheinmoral.“ Erschienen im „Profil“, Nr. 9/2018 vom 26.02.2018.

Bei seinen Recherchen zum Thema Tierversuche hat sich Jochen Stadler als Verfasser des Artikels „Warum wir Tierversuche brauchen …“ einige Bären aufbinden lassen. Die kommen vielleicht aus China, jenem Land, in das Tierexperimentatoren ausweichen, wenn ihnen unser erkämpftes Rechts- und Wertesystem nicht passt: in China möchten sie laut Jochen Stadler offenbar das machen, was in westlichen Demokratien aus guten Gründen verpönt, verboten und strafbar ist. Welcher verqueren Denkhaltung und Ethik spricht Jochen Stadler das Wort?

Erster Bär: „Auch darf niemand mehr Fieber bei Kaninchen auslösen …“, schreibt Stadler.
Tatsache ist, dass der Pyrogentest (= Test zur Qualitätskontrolle von injizierbaren Arzneimitteln auf das Vorhandensein von pyrogenen (= fieberauslösenden) Stoffen), zu dem es seit dem Jahr 2010 eine anerkannte, vollwertige Ersatzmethode gibt, nach wie vor in Österreich durchgeführt wird. Ein Blick in die auf der Homepage des Wissenschaftsministeriums publizierten Tierversuchsstatistiken offenbart, dass z.B. im Jahre 2016 noch 13.157 Kaninchen, im Jahre 2015 noch 14.794 Kaninchen und im Jahre 2014 noch 6.897 Kaninchen diesem Tierversuch unterzogen wurden. Unter Berufung auf die „gesetzliche Verschwiegenheitspflicht“ erachtet es die Genehmigungsbehörde aber nicht für notwendig, zu erklären, warum hierfür seit Jahren nicht der vollwertige Ersatztest verwendet wurde und wird. So viel zur Intransparenz der in Österreich genehmigten Tierversuche sowie der Nicht-Anwendung behördlich anerkannter, vollwertiger Ersatzmethoden. Dies ist tagtägliche Praxis – und zwar ohne jegliche Konsequenzen.

Zweiter Bär: „Jedenfalls sind wir weit entfernt von jenen finsteren Zeiten, in denen man Kaninchen beim sogenannten „Draize“-Test Substanzen in den Lidsack träufelte, um deren Giftigkeit zu testen.“
Leider sind diese „finsteren Zeiten“ zumindest in Österreich noch gar nicht lange vorbei. Laut amtlicher Tierversuchsstatistik wurden zuletzt im Jahre 2011 an 108 Kaninchen Augenreizungstests durchgeführt.
Und leider stecken wir noch sehr tief in diesen „finsteren Zeiten“. Jeder kann – so er nur will - einen Blick hineintun, nämlich in die aktuell geltende OECD Testrichtlinie 405 (TG 405: Acute Eye Irritation/Corrosion), wo der akute Augenreizungstest am Kaninchen in seiner Ausführung penibel genau beschrieben wird und keineswegs verboten ist, sondern lediglich eine rigide Anwendung nahegelegt wird.


Dritter Bär: „Der zweite Grund [für den Anstieg der Tierversuche] ist wahrscheinlich, dass Tierversuche eben nicht mehr so viel Tierleid wie früher verursachen.“
Diese Vermutung fußt auf mangelnder Information und ist somit völlig haltlos, weil es seit jeher laut der gesetzlichen Begriffsbestimmung des „Tierversuches“ keine harmlosen, leidfreien Tierversuche gibt. Schließlich handelt es sich laut Tierversuchsgesetz (TVG) 2012, § 2, definitionsgemäß erst dann um einen Tierversuch, wenn der Eingriff „bei den Tieren Schmerzen, Leiden, Ängste oder dauerhafte Schäden in einem Ausmaß verursachen kann, das dem eines Kanüleneinstichs gemäß guter tierärztlicher Praxis gleichkommt oder darüber hinausgeht“. Das heißt: alles was darunter ist, ist gar kein Tierversuch. Solche Eingriffe sind weder zu beantragen, noch zu genehmigen und auch nicht statistisch zu erfassen. Bei der Aussage: „Gute Tierversuche verursachen kein Leid“, handelt es sich erneut um einen weiteren aufgebundenen Bären, Bär Nr. 5. Denn ist ein Eingriff an einem Tier so „gut“ durchgeführt, handelt es sich laut TVG gar nicht um einen Tierversuch.


Sechster Bär: „Ein Rhesusaffe in einer Apparatur eingeschlossen, steuert … einen Roboterarm … .“ „Solche Experimente sind in China möglich, nicht aber in Europa.“
Ähnliche leider doch, wie beispielsweise Experimente in unserem Nachbarland Deutschland an Rhesus- und Javaneraffen in der Hirnforschung belegen.


Es ließen sich noch zahlreiche Bären (insbesondere die der Verharmlosung und der Verniedlichung des Tierleides, sei es bei der Haltung oder bei den Eingriffen selbst) in Jochen Stadlers Text ausmachen. Ihre Identifikation kann aber nicht die Aufgabe der Leserinnen und Leser sein, sondern wäre im Sinne der Objektivität und Ausgewogenheit der Argumente die ureigenste Aufgabe eines seriösen Journalisten, der nicht nur die Befürworter von Tierversuchen, sondern auch jene befragen müsste, die Tierversuche sowohl aus ethischen als auch aus wissenschaftlichen, medizinischen und methodenkritischen Gründen ablehnen. Schon wegen der Bären.