Welche Alternativmethoden gibt es
a) zur Testung von Substanzen und Produkten
b) in der Ausbildung
c) in der Forschung?

Ad a) Tierversuchsfreie Methoden als Ersatz zu Tierversuchen, die durchgeführt werden, um Substanzen/Stoffe, Zubereitungen und Produkte - sei es als Chemikalie, als Kosmetikartikel, als Arznei-, Wasch-, Körperpflege- oder Nahrungsergänzungsmittel u.v.a.m. – auf ihre Wirksamkeit und Schädlichkeit bzw. Sicherheit und Verträglichkeit für Mensch und Umwelt einzuschätzen.

Es gibt hunderte von Alternativ- und Ersatzmethoden (menschlichen Zell-, Gewebe- und Organkulturen, Computermodelle und -simulationen, Chips, epidemiologische Untersuchungen, etc.), die teilweise auch schon in diversen Online-Datenbanken systematisch aufgearbeitet wurden und ebenso für die Gesamt- bzw. Teilöffentlichkeit zugänglich sind. Allein aufgrund der zahlreich vorhandenen Alternativmethoden müsste kein einziger Tierversuch mehr durchgeführt werden!
Doch warum verdrängen diese nicht endlich die Tierversuche (die mit Ausnahme des Jahres 2003 in den letzten Jahren – und dies europaweit – kontinuierlich gestiegen sind)?

1.) Es gibt keinen 1:1 Ersatz:

Der eine Grund besteht darin, dass es offenbar – aus welchen Gründen auch immer - den Forschern nach tierversuchsfreien Methoden ganz selten gelingt, einen Tierversuchstest gezielt – etwa den akuten Toxizitätstest – eins zu eins durch eine tierversuchsfreie Methode zu ersetzen.

Doch aus dieser jahrzehntelangen Erfahrung müssen endlich Konsequenzen gezogen werden und eine neue Prüfstrategie, wie sie schon von der BUAV (= The British Union fort he Abolition of Vivisection, eine englische Tierversuchsgegnerorganisation) und auch von ECVAM (=European Centre for the Validation of Alternative Methods, einer Forschungseinrichtung der Europäischen Kommission, die für die Validierung von tierversuchsfreien Methoden zuständig ist; ) entworfen und skizziert wurde, detailliert ausgearbeitet und schlussendlich konsequent umgesetzt werden.
Alarmiert durch die Vorhaben der EU-Kommission im Rahmen des REACH-Programmes (R=Registrierung, E=Evaluierung/Bewertung, A=Autorisierung/Zulassung, CH=Chemikalien) alle sog. chemischen Altstoffe auf ihre Gefährlichkeit hin zu überprüfen, was den Vergiftungstod von Millionen von Tieren bedeuten würde, hat Dr. Gill Langley für die BUAV in der Studie "The Way Forward: A non-animal testing strategy for chemicals", ersch. 2001 in London, einen Massnahmenkatalog, der völlig ohne Tierversuche auskommt, erarbeitet.
Dr. Langley hat zu einzelnen Tierversuchstests eine Prüfstrategie – in der Regel eine stufenweise kombinierte Anwendung mehrerer Alternativmethoden – ausgearbeitet.
Dies ist ein brauchbarer, wissenschaftlich fundierter Ansatz, der im Detail noch ausgearbeitet werden muss. Vor allem müssen viele der angeführten Tests noch ausgebaut und validiert werden, weitere tierversuchsfreie Methoden (wie etwa Computermodelle) sind noch zu entwickeln. Hier ist die EU-Kommission in die Verantwortung zu nehmen, die die Entwicklung und Förderung von tierversuchsfreien Verfahren zu forcieren hat.

Auch ECVAM hat 2002 in dem Bericht "Alternative (Non-animal)Methods for Chemicals Testing: Current Status und Future Prospects", edited by Andrew Worth and Michael Balls, umfangreich dargelegt, wie Chemikalien ohne vorherige Prüfung in Tierversuchen auf den Markt gebracht werden können.

2.) Der Validierungsprozess gehört umgestaltet:

Das zweite Problem, das den flächendeckenden Einsatz tierversuchsfreier Methoden hemmt, besteht darin, dass Alternativmethoden einen aufwendigen bis zu 10 Jahre dauernden Validierungsprozess, bei dem die wissenschaftliche Qualität der Methode bewertet wird, zu durchlaufen haben, um offiziell, etwa von der EU-Kommission oder der OECD (= Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der u.a. Europa, Japan und die USA angehören), anerkannt zu werden.

Das größte methodische Problem dabei ist jedoch, dass die Ergebnisse der tierversuchsfreien Methode mit den Ergebnissen der Tierversuche (die übrigens nie einer Validierung unterzogen wurden!), der ersetzt werden soll, verglichen werden und mit diesen übereinstimmen müssen.

Doch die Tierversuche liefern unverlässliche, unsichere und nicht reproduzierbare Ergebnisse: Untersuchungen haben gezeigt, dass Tierversuche, durchgeführt mit ein- und derselben Versuchsanordnung in verschiedenen Labors unter den gleichen Bedingungen und Voraussetzungen, unterschiedliche Ergebnisse liefern. Auch hier muss grundlegend umgedacht werden und eine andere Ausgangsbasis gefunden werden.

Da diese Art der Validierung einen großen Hemmschuh bei der Anerkennung von tierversuchsfreien Verfahren darstellt, ist die Auslese auch dementsprechend mager.
Wir fordern deshalb (vor allem auch in Hinblick auf eine tierversuchsfreie Umsetzung des REACH-Programmes),

  • dass tierversuchsfreie Methoden nicht an Tierversuchsergebnissen validiert werden, da die Daten aus Tierversuchen ungenau, unverlässlich, nicht reproduzierbar und auf den Menschen nicht übertragbar sind,
  • eine Beschleunigung des Validierungsverfahrens insgesamt,
  • die Validierung der vielen tierversuchsfreien Methoden überhaupt,
  • dass eine validierte tierversuchsfreie Methode auch gleich behördlich anerkannt werden soll,
  • dass eine validierte, behördlich anerkannte tierversuchsfreie Methode auch verbindlich eingesetzt werden muss, also sofort in die Rechtsvorschriften, in die internationalen offiziellen Prüfrichtlinien, wie z.B. in das Europäische Arzneibuch, aufgenommen werden. Zugleich ist der dadurch ersetzte Tierversuch mit sofortiger Wirkung zu verbieten.
  • dass für schon jahrelang eingesetzte und bewährte tierversuchsfreie Methoden, die auch von Behörden und ähnliche Institutionen anerkannt sind, ein besonders schnelles Validierungsverfahren erstellt wird.

Wir sind fest davon überzeugt, dass mit etwas mehr Elan und Zielstrebigkeit, einer gemeinsamen Kraft- und politischen Willensanstrengung, die natürlich eine breite finanzielle Förderung miteinschließt, eine tierversuchsfreie schrittweise angelegte Prüfstrategie in einem Zeitraum von 5 Jahren zu erreichen ist und es mehr oder minder lediglich an den politisch Verantwortlichen liegt, dies auch zu verwirklichen.

ad b) Tierversuchsfreie Methoden als Ersatz zu Tierversuchen, die zu Übungs-, Versuchs- und Demonstrationszwecken in der allgemeinen, universitären und beruflichen Ausbildung durchgeführt werden.

Wir fordern die sofortige völlige Abschaffung des Tierversuchs für die Ausbildung und den Einsatz der ausreichend vorhandenen Ersatzmethoden. Die Lehrfreiheit ist damit keineswegs gefährdet, da nicht die Lehrinhalte, sondern lediglich die Methodik der Vermittlung beschränkt wird.
Wir fordern damit lediglich den Vollzug des Tierversuchsgesetzes, in dessen § 3 (2) ausdrücklich festgehalten wird, dass Tierversuche nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn "die angestrebten Versuchsziele nicht durch andere Methoden und Verfahren bzw. in den Fällen der beruflichen Ausbildung durch sonstige Lehrbehelfe, insbesondere durch Film und andere audiovisuelle Mittel, erreicht werden können."

Folgende Ersatzmethoden stehen (unter vielen weiteren) zur Verfügung:

  • Computersimulationen, die meist interaktiv gestaltet sind, simulieren etwa die Organfunktion und veranschaulichen sehr gut die physiologischen Zusammenhänge.
  • Plastikmodelle von Tieren und Organen.
  • Eigens entwickelte Modelle, z.B. das von Wolfgang Künzel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelte Übungsphantom für die rektale Untersuchung des Pferdes oder ein von der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie entwickeltes vollsynthetisches Trainingsmodell für die Koronarchirurgie.
  • Schmerzlose Selbstversuche, z.B. eigene Blutabnahme oder mit dem Myographen zur Muskelelektrik und -mechanik etwa.
  • Die Verwendung von Tieren, die eines natürliches Todes oder durch Unfälle gestorben sind oder wegen unheilbarer Krankheiten in Tierarztpraxen eingeschläfert wurden, und das Üben an Haustierpatienten (EKG, Reflexe, Venenpunktionen etwa) – die Einwilligung des Privatbesitzers vorausgesetzt.
  • Beobachtungen der Verhaltensweise und der Symptome.

Eine ausführliche Beschreibung von Ersatzmethoden, eine Auflistung von über 500 Produkten (nach Fachrichtung geordnet und unter Angabe der Bezugsmöglichkeiten), Angaben zu verfügbaren Datenbanken und Bibliotheken zum Verleih und viele andere wertvolle Informationen bietet das von InterNICHE herausgegebene, derzeit nur in Englisch verfügbare Buch: "From Guinea Pig to Computer Mouse" von Nick Jukes & Mihnea Chiuia , 2. Aufl., 2003, ISBN 1-904422-00-4. Ein Nachschlagwerk nicht nur für Studierende, sondern auch für Hochschullehrer, Tierversuchskommissionen und Tierrechtsgruppen.
InterNICHE (= International Network of Individuals and Campaigns for Humane Education) ist ein weltweiter Zusammenschluss von Studierenden und Lehrenden, die sich für ein Studium ohne Tierverbrauch einsetzen.

Weiters gibt es eine Interaktive Datenbank für Alternativen zum Gebrauch von Tieren in der Didaktitk (auch in deutscher Sprache).

Auch möchten wir hier auf SATIS, einer Studentischen Arbeitsgruppe (Deutschland) gegen Tiermissbrauch im Studium hinweisen.

ad c) Tierversuchsfreie Methoden als Ersatz zu Tierversuchen in der Forschung, um neue Erkenntnisse zu erlangen.

Forscher in der Grundlagenforschung müssen bei der Wahl ihrer Mittel nicht auf die umstrittene, veraltete aber vor allem ethisch durch nichts zu rechtfertigende Methode des Tierversuchs zurückgreifen und bei dieser verharren. Es gibt zahlreiche andere, vor allem moderne Mittel und spannende Wege – insbesondere in unserem Computerzeitalter - um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Hier bietet vor allem die In-vitro-Forschung zahlreiche Möglichkeiten, Erkenntnisse zu gewinnen, die noch weiter zu entwickeln sind.