Wo werden Tierversuche gemacht?

Nach wie vor werden Tierversuche in der allgemeinen, universitären und beruflichen Ausbildung und Weiterbildung zu Übungs-, Versuchs- und Demonstrationszwecken in den Bereichen der Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, der Biologie, Pharmazie, Biochemie, Genetik, Molekularbiologie, Ernährungswissenschaft, Chemie, Physik, Landwirtschaft und Psychologie gemacht. Selbst "im Rahmen der Studien der Forst- und Holzwirtschaft, der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft sowie der Landschaftsplanung und Landschaftspflege wurden Untersuchungen an frisch getöteten Fischen" durchgeführt, wie einer Parlamentarischen Anfragebeantwortung (3345/AB XVIII.GP) zu entnehmen ist.

Typische Übungen am lebenden und toten Tier

Ein typischer Versuch beim Studium der Human-, Zahn-, Tiermedizin und Biologie ist "Galvanis Froschversuch", bei dem längst bekannte physiologische Vorgänge am lebenden Frosch demonstriert werden: Seine Nerven, Muskeln und sein Herz werden freigelegt und elektrisch gereizt. Der/die Experimentierende erfährt, dass der Muskel um so mehr zuckt, je größer die Reizstärke ist. Die Tiere werden bei diesen Versuchen nur schwach narkotisiert, wie aus einer Anleitung zu diesem Versuch zu entnehmen ist: "Falls der leicht narkotisierte Frosch aus der Narkose erwachen sollte, kann man ihn dekapitieren (Anm.: = enthaupten; der Kopf wird mit einer Schere abgeschnitten, und zwar ohne Narkose, denn diese würde die Organe lähmen), das Rückenmark ausbohren und den Wirbelkanal zur Vermeidung von Blutung mit einem angespitzten Streichholz verstopfen …" .(1)

Auch wird in den Praktika nicht immer "fachgerecht" getötet und so kommt es vor, dass sich die vermeintlich toten Tiere plötzlich bewegen (2). Verschiedene Tötungsarten werden angewendet: Nackenschlag, Enthauptung, CO2-Vergasung, Perfusion mit 4%igem Formalin bzw. 75%igem Alkohol in Narkose. (3)

Im Biologiepraktikum (das auch Mediziner zu absolvieren haben) werden verschieden Tiere – Insekten, Fische, Ratten - seziert und präpariert.
Biologen haben für zoologische Bestimmungsübungen getötete Insekten, Muscheln, Schnecken und Krebstiere systematisch einzuordnen. Bei den morphologischen Übungen werden eigens dafür getötete Tiere – Regenwürmer, Schaben, Schnecken, Fische, Frösche, Goldhamster und Ratten – seziert. Bei tierphysiologischen Übungen werden Versuche an lebendigen Tieren durchgeführt und z.B. folgendermaßen angekündigt: "Analyse von Blut- und Körperflüssigkeiten. Vergleich der Blutzusammensetzung bei verschiedenen Tierarten. Krebse, Miesmuscheln und Schnecken werden aufgeschnitten und bluten dann aus. Ein Fisch oder ein Frosch und eine Maus werden getötet, um ihr Herz zu öffnen und daraus mit einer Pipette Blut zu entnehmen." (4)

Während des Studiums der Tiermedizin werden neben den oben genannten Beispielen auch Übungen durchgeführt - etwa zum Erlernen der Anatomie oder von Operationstechniken -, für die natürlich oder durch Unfall verstorbene bzw. wegen unheilbarer Krankheiten eingeschläferte Tiere und auch Schlachttiere eingesetzt werden. Praktische Erfahrungen wie das Erlernen von diagnostischen Methoden (Rektalisieren, Injektionen, Blutentnahme, Harnkatheter legen, Pansensaft entnehmen etc.) werden mit Tierpatienten oder an Kliniktieren, das sind Versuchstiere, gemacht.

Tierversuchsfreie Methoden

Wir fordern die völlige Abschaffung des Tierversuchs für die Ausbildung (5) und den Einsatz der ausreichend vorhandenen Ersatzmethoden. Die Lehrfreiheit ist damit keineswegs gefährdet, da nicht die Lehrinhalte, sondern lediglich die Methodik der Vermittlung beschränkt wird.

Damit fordern wir lediglich den Vollzug des Tierversuchsgesetzes, in dessen § 3 (2) ausdrücklich festgehalten wird, dass Tierversuche nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn "die angestrebten Versuchsziele nicht durch andere Methoden und Verfahren bzw. in den Fällen der beruflichen Ausbildung durch sonstige Lehrbehelfe, insbesondere durch Film und andere audiovisuelle Mittel, erreicht werden können."

Folgende Ersatzmethoden stehen (unter vielen weiteren) zur Verfügung:

  • Computersimulationen, die meist interaktiv gestaltet sind, simulieren etwa die Organfunktion und veranschaulichen sehr gut die physiologischen Zusammenhänge.
  • Plastikmodelle von Menschen, Tieren und Organen.
  • Eigens entwickelte Modelle, z.B. das von Wolfgang Künzel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelte Übungsphantom für die rektale Untersuchung des Pferdes oder ein von der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie entwickeltes vollsynthetisches Trainingsmodell für die Koronarchirurgie.
  • Schmerzlose Selbstversuche, z.B. eigene Blutabnahme oder mit dem Myographen zur Muskelelektrik und -mechanik etwa.
  • Die Verwendung von Tieren, die eines natürliches Todes oder durch Unfälle gestorben sind oder wegen unheilbarer Krankheiten in Tierarztpraxen eingeschläfert wurden, und das Üben an Tierpatienten nach vorhergehender Einwilligung durch den Tierhalter (EKG, Reflexe, Venenpunktionen etwa).
  • Beobachtungen der Verhaltensweise und der Symptome.

Wie viele Tiere werden in Österreich für die Ausbildung verbraucht?

Seit vier Jahren wird die Anzahl und die Art der verwendeten lebenden Wirbeltiere für die allgemeine und berufliche Bildung auch in der offiziellen Tierversuchsstatistik angeführt. Demnach wurden im Vorjahr 539 Tiere – nämlich Amphibien (16), Andere Vögel (21), Hunde (18), Kaninchen (47), Mäuse (109), Pferde (14), Ratten (122), Rinder (40), Schafe (20), Schweine (122) und Ziegen (10) - für Versuche zu Lehrzwecken verwendet – das sind um 35 % mehr als im Jahr 2001. Genaueres ist der offiziellen Statistik jedoch auch nicht zu entnehmen. Auf keinem Fall entspricht diese Zahl dem tatsächlichen Verbrauch von Tieren für die Ausbildung. Denn nach dem Tierversuchsgesetz gilt nicht jeder Eingriff an einem Tier (auch in einem Tierversuchslabor!) als ein Tierversuch und scheint somit auch nicht in der offiziellen Statistik auf.


Nach dem Gesetz handelt es sich nur dann um einen Tierversuch, wenn

  • der Versuch an einem Wirbeltier durchgeführt wird. Versuche an Wirbellosen (Spinnentieren, Krabben, Hummer, Schnecken, Muscheln, Tintenfische, Garnelen, Doppelfüßern etc.) gelten nicht als Tierversuche!
  • der Versuch mit erheblichen Schmerzen und Leiden verbunden ist. Alle Eingriffe, die nach der Meinung des Experimentators (!) für das Tier nicht belastend sind, gelten nicht als Tierversuche!
  • der Versuch am lebenden Tier durchgeführt wird. Versuche an Tieren, die vorher eigens dafür getötet wurden, gelten nicht als Tierversuche!

Unsere Anfragen bei den Ministerien sind in der Regel auch nicht ergiebiger als die offizielle Statistik. So heißt es in einem Antwortschreiben des BM für Wirtschaft und Arbeit vom 17.10.2003:
"Die öffentliche Bekanntgabe von Namen und Anschrift der Träger von Tierversuchseinrichtungen ist weder nach dem Tierversuchsgesetz noch nach der Tierversuchsstatistik-Verordnung vorgesehen. Ebenso ist eine Bekanntgabe von Art und Zahl von Tieren, die nicht dem Tierversuchsgesetz unterliegen, und das sind etwa Tiere, die ohne vorherigen Eingriffe für eine spätere Probengewinnung getötet werden, nach dem Tierversuchsgesetz nicht vorgesehen und ist deshalb weder Art noch Zahl dieser Tiere dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit bekannt."

Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen und die Forschung nach Ersatzmethoden zielgerichtet forcieren zu können, fordern wir, dass alle Tiere, die zur Vermittlung von Lehrinhalten verwendet werden, unter Angabe des Zweckes gemeldet werden müssen.

Gesetzliche Verankerung der Gewissensfreiheit

Schon 1992 hielt der damalige Wissenschaftsminister Dr. Erhard Busek fest (3345/AB XVIII.GP), dass in Österreich Studierende, die aus Gewissensgründen Tierversuche und Untersuchungen an eigens dafür getöteten Tieren ablehnen "keinesfalls mit einem studienrechtlichen Nachteil" rechnen müssen.
Auch seine Nachfolgerin, Elisabeth Gehrer, hielt sich an diesen Grundsatz und verbriefte, dass es "auch für mich keinen Grund (gibt), von der … vom seinerzeitigen Bundesminister Dr. Busek zum Ausdruck gebrachten Meinung abzuweichen" (1866/AB XXI.GP).
Es ist erfreulich, dass auch der derzeitige Wissenschaftsminister Dr. Johannes Hahn die Meinung seiner Vorgänger teilt. In einem Schreiben an den IBT vom 20.03.2007 teilte er folgendes mit: " ... und darf in Beantwortung Ihrer Frage darauf hinweisen, dass ich die von meinen Amtsvorgängern festgehaltene Position, wie sie auch in den von Ihnen zitierten parlamentarischen Anfragebeantwortungen zum Ausdruck kommt, weiterhin beibehalte."

Da die Freistellung von Tierversuchen bei Gewissenskonflikten nicht gesetzlich geregelt ist und diese in jedem einzelnen Fall vom guten Willen des jeweiligen Ministers bzw. der jeweiligen Ministerin abhängig ist, fordern wir die gesetzliche Verankerung der Freistellung, wie sie etwa schon in Italien existiert.

(1) Über Leichen zum Examen? Hrsg. vom Bundesverband SATIS, Timona-Verlag 1993, S. 400. SATIS ist eine Studentische Arbeitsgruppe gegen Tiermissbrauch im Studium, in D-52072 Aachen, Roermonder Str. 4a, http://satis-tierrechte.de/

(2) Ebd., S. 28

(3) Harald Schöffl, Sigrid Schöffl, Helmut Appl und Helmut A. Tritthart. "Tierversuche und tierverbrauchende Methoden bei Pflichtlehrveranstaltungen an österreichischen Universitäten". In: ALTEX 13, 3/96, S. 187

(4) Über Leichen zum Examen? S. 42 – 43

(5) Hier möchten wir ausdrücklich festhalten, dass wir für die sofortige Abschaffung aller Tierversuche eintreten, uns jedoch zweckmäßiger Weise in diesem Kontext auf die Hervorhebung des Verbotes von Tierversuchen in der Ausbildung konzentrieren.

Buchempfehlung:
Eine ausführliche Beschreibung von Ersatzmethoden, eine Auflistung von über 500 Produkten (nach Fachrichtung geordnet und unter Angabe der Bezugsmöglichkeiten), Angaben zu verfügbaren Datenbanken und Bibliotheken zum Verleih und viele andere wertvolle Informationen bietet das von InterNICHE herausgegebene, derzeit nur in Englisch verfügbare Buch: "From Guinea Pig to Computer Mouse" von Nick Jukes & Mihnea Chiuia , 2. Aufl., 2003, ISBN 1-904422-00-4. Ein Nachschlagwerk nicht nur für Studierende, sondern auch für Hochschullehrer, Tierversuchskommissionen und Tierrechtsgruppen.
InterNICHE (International Network of Individuals and Campaigns for Humane Education) ist ein weltweiter Zusammenschluss von Studierenden und Lehrenden, die sich für ein Studium ohne Tierverbrauch einsetzen. Homepage: http://www.interniche.org/

Tipp:
Unter http://www.ethical-learning.org/home/home.php befindet sich eine Interaktive Datenbank für Alternativen zum Gebrauch von Tieren in der Didaktik ( auch in deutscher Sprache ).

Unterstützenswert:
Zwei ukrainische Hochschulen sind bereit, auf Ersatzmethoden umzusteigen. Dafür brauchen sie jedoch Computer und Software. Mehr zu diesem Projekt finden Sie hier.