Kein Zweck heiligt die Mittel

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Tierversuche stößt man immer wieder auf die Trennung in notwendige und sinnvolle Tierversuche einerseits und in unnötige und sinnlose Tierversuche andererseits. Die jeweilige Zuordnung wird vom Zweck abhängig gemacht: Tierversuche für Kosmetika werden gerne – selbst von eingefleischten Tierexperimentatoren - als nutzlos klassifiziert. Sie sind demnach unnötig und sinnlos. Tierversuche für die Entwicklung von Medikamenten werden innerhalb dieses Denkschemas als nützlich erachtet. Sie gelten als notwendig und sinnvoll und man versucht im selben Atemzug, diese auch ethisch zu legitimieren und als wissenschaftliche Methode darzustellen.

Aber - es ist ja schon sprichwörtlich geworden - der Zweck heiligt die Mittel nicht: Und so kann die Testung einer Substanz - die für das Versuchstier stets mit erheblichen Schmerzen und Leiden verbunden ist und schließlich zu seinem qualvollen Tod führt - nicht allein deshalb ethisch werden, nur weil der am Tier geprüfte Stoff als Arzneimittel und nicht als kosmetisches Mittel verwendet werden soll, das wir Menschen nicht so notwendig haben.
Es ist eine völlig brüchige Logik und fragwürdige Moral, Handlungen gut zu heißen, weil ein persönlicher Nutzen zu erwarten ist. Demnach wäre auch ein Raub als eine gute Handlung anzusehen und ethisch gerechtfertig, da sie zumindest für den Täter mit dem Nutzen der Bereicherung verbunden ist.

"Soll denn das Medikament am Menschen getestet werden?"

- lautet oft provokant die Frage von Personen, die davon ausgehen, dass wir berechtigt sind, Tiere aufgrund der (oft auch nur vermuteten) Unterschiede – wie z.B. Tiere haben kein Erinnerungsvermögen, kein Bewusstsein, sie sind zu keinen sozialen Leistungen fähig etc. – auf alle Fälle für unsere Zwecke zu benutzen.
Die Fragenden wissen vor allem nicht, dass sehr wohl Experimente an Menschen durchgeführt werden, weil auch diese gesetzlich vorgeschrieben sind. Denn offenbar traut der Gesetzgeber den Ergebnissen von Tierversuchen selber nicht und verlangt im Arzneimittelgesetz beim Antrag für die Zulassung eines Medikamentes nicht nur die Beifügung von nichtklinischen Daten, die unter anderem aus Tierversuchen ermittelt werden, sondern auch von klinischen Daten, die aus Menschenversuchen gewonnen werden.

Klinische Studien: der Menschenversuch

Die klinische Prüfung findet erst nach den nichtklinischen bzw. präklinischen Prüfungen, die eine Schädigung für den Menschen ausschließen sollen, in vier Phasen statt:

  • In der Phase I wird das Medikament an 10 bis 50 gesunden, bezahlten Versuchspersonen (Probanden) etwa auf Verträglichkeit, Sicherheit und Toleranzgrenzen (Dosis) ohne Therapieziel angewendet.
  • In der Phase II wird u. a. die therapeutische Dosis an 50 bis 200 kranken Probanden festgestellt.
  • In der Phase III wird an einer sehr großen Anzahl von über 1.000 Patienten der Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit erbracht.
  • Nach der erfolgten Zulassung werden in der Phase IV weitere Beobachtungen gemacht.

Selbst Versuche an Kindern und geistig behinderten Menschen sind – wenn auch mit strengeren Auflagen – erlaubt. (1)

Tierversuche geben keine Sicherheit

Doch laufend müssen Menschenversuche abgebrochen werden, weil es zu schweren Schädigungen bis hin zu Todesfällen kommt. Große öffentliche Aufmerksamkeit hatte der vorzeitige Abbruch einer in den USA durchgeführten epidemiologischen Studie an 16.000 gesunden Frauen erregt. Die Hormongaben gegen Wechselbeschwerden lösten bei einer hohen Prozentzahl der Probandinnen Brustkrebs aus – und dies, obwohl das Medikament ausgiebig in Tierversuchen erprobt worden ist.
In der Regel werden derartige dramatische Ereignisse wohlweislich kaum der Öffentlichkeit preisgegeben, wie etwa der Abbruch jener Menschenversuche der irischen Firma Elan Corporation mit einem Alzheimer-Impfstoff. Dabei starben 15 Patienten, obwohl auch diese Arznei erschöpfend im Tierversuch getestet wurde. (2)

Die Tierversuchsergebnisse sind ganz offensichtlich auf den Menschen nicht übertragbar und geben somit überhaupt keine Sicherheit. Denn erst im Nachhinein, wenn die Substanz auch Menschen verabreicht wurde, kann man tatsächlich die jeweilige Übertragungsquote feststellen. Doch diese interessiert dann niemanden mehr, weil nun die Ergebnisse aus den Menschenversuchen vorliegen (und das Medikament in der Regel inzwischen vermarktet wird).
Tierversuche werden unreflektiert und kritiklos – oft auch nur in Erfüllung der gesetzlichen Auflagen - weiter betrieben. Sie geben lediglich dem Hersteller die Sicherheit, sich im Fall einer Haftungsklage dieser unter Berufung auf die durchgeführten Tierversuche entziehen zu können.

Tierversuche sind unwissenschaftlich

Das Paul-Ehrlich-Institut überprüfte die Relevanz der im Arzneibuch vorgeschriebenen Prüfung für Impfstoffe auf anomale Toxizität (= Giftigkeit), kurz ATT, an Mäusen und Meerschweinchen, indem im Nachhinein die Wirkung des schon in der Praxis eingesetzten Impfstoffes mit den Ergebnissen aus den Tierversuchen verglichen wurden (retrospektive Datenanalyse).
In dieser Studie kam man zu dem Ergebnis, dass der ATT-Tierversuchstest keine Aussage über die tatsächliche Verträglichkeit einer Impfstoffcharge zulässt:

  • "Eine Charge eines Tetanusimpfstoffes, die den Tierversuch ohne Auffälligkeiten bestanden hatte, musste zum Beispiel aufgrund klinischer Unverträglichkeiten zurückgezogen werden. Umgekehrt zeigten bei der Prüfung einer Charge sämtliche Meerschweinchen pathologische Reaktionen, hingegen wurde der Impfstoff von den Probanden gut vertragen." (3), S.13
  • Selbst die einzelnen Tierarten reagierten unterschiedlich: "Auffällige Reaktionen der Mäuse entsprachen nicht den beobachteten Auffälligkeiten der Meerschweinchen bei den einzelnen Impfstoffgruppen." (3), S.14
  • Auch genügte der ATT-Test nicht den normalen wissenschaftlichen Kriterien. Er bestand keine Wiederholungsprüfung – d.h. die wiederholte Messung unter gleichen Bedingungen mit denselben Proben führte nicht zu dem gleichen Ergebnis wie die Erstprüfung. (3), S. 13-14

Tierversuche liefern beliebige Daten

Offenbar glauben selbst die Hersteller nicht an die Aussagekraft von Tierversuchen: Erst jüngst hat die Firma Bayer CropScience AG in den USA in Bezug auf pestizidbelastete Lebensmittel Daten aus Menschenversuchen und nicht wie üblich aus Tierversuchen vorgelegt (mit dem Ziel, die Grenzwerte für Pestizid-Konzentrationen in Lebensmitteln zu erhöhen). Die Begründung: "Manchmal reichen andere Studien und Tierversuche nicht aus". (4)

Dieser Fall ist auch ein Beispiel für den gerne praktizierten, manipulativen Umgang mit Daten. Sind die Ergebnisse nicht im Sinne des Unternehmens, wird der Versuch einfach an anderen Tierarten – hier eben am Menschen - durchgeführt, um das gewünschte Ergebnis vorlegen zu können. Der Nobelpreisträger Ernst Boris Chaim, der als Gutachter beim Contergan-Prozess (5) fungierte, äußerte sich laut Gerichtsprotokoll am 2.2.1970:
"Kein Tierversuch mit einem Arzneimittel, auch wenn er an vielen Tiergattungen einschließlich Primaten unter allen erdenklichen Bedingungen durchgeführt wird, kann eine Garantie dafür geben, dass das so geprüfte Arzneimittel beim Menschen sich gleich verhält; denn der Mensch gleicht eben in vielen Beziehungen nicht dem Tier." (6)

Alle diese Fälle, die hier nur eine kleine Auswahl darstellen können, belegen, dass der Tierversuch keine wissenschaftliche und verlässliche Methode darstellt und Ergebnisse aus den Tierversuchen kaum bzw. nicht auf den Menschen übertragbar sind, weshalb sie keine verbindlichen Aussagen über die Wirkung auf den Menschen zulassen.
Doch selbst die Menschendaten lassen offenbar keine verlässlichen Aussagen zu. Auf der Homepage der Vereinigung "Ärzte gegen Tierversuche" (7) findet sich eine lange Liste von Risikomedikamenten, die schon in den Handel gebracht wurden und sich trotz zahlreicher Tierversuche und anschließender Menschenversuche für den Menschen als schädlich bis tödlich erwiesen haben.

Nur die symptomorientierte Medizin basiert auf Tierversuchen

Bei der Entstehung menschlicher Krankheiten spielen viele Faktoren, etwa Ernährung, Bewegung, Umwelteinflüsse, sozialer Status, seelische und geistige Befindlichkeit komplex zusammen. Bis zum Krankheitsausbruch vergehen oft Jahre. Beim vorerst gesunden Versuchstier, artwidrig und isoliert im sterilen Labor in zu engen Käfigen gehalten, werden menschliche Krankheiten künstlich und abrupt erzeugt. In der Regel entwickeln sie nur ähnliche Symptome oder sowieso andere Formen einer bestimmten menschlichen Krankheit, gegen die dann die zu entwickelnde chemische Substanz verabreicht wird. (8) Eine derart lediglich auf Symptome ausgerichtete Arzneimittelforschung bzw. Medizin kann nur wenig bis gar nichts zu einem Verständnis der Krankheitsursache und des Krankheitsverlaufs und somit zur tatsächlichen Heilung beitragen. Demgemäß lassen auch die Ergebnisse zu wünschen übrig – trotz millionenfacher Tierversuche weltweit gibt es noch immer nicht d e n von den Pharmafirmen angekündigten Impfstoff gegen Krebs, Aids, Alzheimer etc.

Arzneimittel stellen nach internationalen Untersuchungen die vierthäufigste Todesursache überhaupt dar (9) Der Arzneimittelmarkt ist ein ungeheuer einträgliches Geschäft in der Hand einiger Konzerngiganten, das noch lange zu betreiben ist. Denn von den 30.000 bekannten Krankheitsbilder sind "erst" 12.000 medikamentös behandelbar (10), die restlichen stellen – wie einer Studie der Pharmig zu entnehmen ist – eine große Herausforderung für die Wirtschaft dar. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meint, dass 316 bewährte Medikamente genügen (11), um die gesundheitliche Versorgung eines Landes sicherzustellen. Natürlich setzt dies voraus, dass sich die medizinische Versorgung nicht auf die bloße Verabreichung von chemischen Substanzen beschränkt und der Arzt nicht nur als verlängerter Arm der Pharmaindustrie fungiert.

Ausblick: Es geht auch ohne Tierversuche

Der Vorzug ist der Krankheitsvorbeugung (etwa durch gesunde Ernährung, ausgleichende Bewegung), alternativ ganzheitlich ausgerichteten (Natur-)Heilmethoden (wie etwa der Homöopathie, Ayurveda oder der Traditionellen Chinesischen Medizin) und Therapien (wie etwa der F.X. Mayr-Kur oder der Akupunktur) zu geben. Sie zielen auf eine ursächliche Heilung des Menschen ab.
Und was dabei noch entscheidend ist: Diese Heilmethoden kommen völlig ohne Tierleid und Tierversuche aus.

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(1) In Österreich wurden im Jahr 2000 an rund 6.500 Menschen in Spitälern neue Medikamente getestet. In: ORF ON Science, 14.05.2002, "Immer mehr klinische Tests in Österreich".

(2) Siehe unter: http://www.pressetext.at/pte.mc?pte=020304038%20

(3) Beate Krämer, Margit Nagel, Karin Duchow, Michael Schwanig, Klaus Cußler (Paul-Ehrlich-Institut, D-Langen): "Ist die tierexperimentelle Prüfung auf anomale Toxizität für Impfstoffe, Sera und Immunglobuline noch zeitgemäß? Eine retro- spektive Datenanalyse zur Überprüfung der Aussagekraft der Arzneibuchvor- schrift V.2.1.5." In: ALTEX 13, 1/96, S. 7-16.

(4) In: Spiegel online , 23.02.2004. Holger Dambeck: "US-Mediziner befürworten Menschenversuche mit Giften."

(5) Contergan verursachte schwerste Missbildungen bei Babys, obwohl bei zahllosen Tierversuchen keine Schädigung der Leibesfrucht festgestellt werden konnte.

(6) In: Dr. Werner Hartinger: "Tierversuche sind wissenschaftlich nicht vertretbar" (Teil 2).

(7) Liste der Risikomedikamente von "Ärzte gegen Tierversuche e.V.".

(8) Die Entwicklung e i n e s neuen Medikamentes kostet ca. 100 000 Tieren das Leben. (Siehe Dr. med. Walter Schmidt: "Was ist ein Tierversuch?")
Der Firma kostet die Entwicklung eines neuen Medikamentes die enorme Summe von durchschnittlich 874 Millionen Euro (Quelle: s. Fußnote 10, S. 17) und der sogenannte Kandidat-Wirkstoff wird in der Regel schon vor der präklinischen Prüfung patentiert. Diese hohen Investitionen üben einen enormen Druck auf die baldige und effiziente Vermarktung des Produktes aus, was dazu beitragen könnte, auch über Leichen – gleichgültig ob Tier oder Mensch – zu gehen

(9) Standard vom 16.5.2002, "Pharmaforschung im Umbruch".

(10) "Arzneimittel und Gesundheitswesen in Österreich. Daten und Fakten 2002." Hrsg.v. Pharmig, Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen, S. 16.

(11) Stand vom April 2003, 13. Liste, siehe auch unter http://www.who.int/medicines/en/