Der Etikettenschwindel mit den "Alternativ- und Ergänzungsmethoden"

TierversuchsgegnerInnen setzen sich seit jeher vehement für die Entwicklung, Förderung und den verpflichtenden Einsatz von Methoden ohne Tierversuche, wie etwa Tests an menschlichen Zell-, Gewebe- und Organkulturen, Computersimulationen, epidemiologische Untersuchungen etc. ein. Dank des Druckes engagierter TierversuchsgegnerInnen trägt mittlerweile auch der Gesetzgeber der Forderung nach Abschaffung der Tierversuche Rechnung, indem im österreichischen Tierversuchsgesetz unter § 17 die Förderung von "Ersatzmethoden" gesetzlich verankert ist.

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Fragwürdige "Alternativen" von TierexperimentatorInnen

Doch die Forschung nach tierversuchsfreien Methoden wird zum überwiegenden Teil ausgerechnet von jenen Institutionen und Firmen betrieben, die in der Regel parallel dazu noch immer Tierversuche machen. Disziplinen und Industriezweige, die bislang ohne Tierversuche ausgekommen sind, stellt sich diese Problematik gar nicht. Denn sie stehen nicht unter dem öffentlichen und mitunter auch gesetzlichem Druck tierversuchsfreie Methoden zu entwickeln.
Daraus ergibt sich die grundsätzliche Problematik, dass WissenschafterInnen, die der fragwürdigen Tierversuchsmethode verhaftet sind und denen es in der Regel auch an anderweitigen Ausbildungen fehlt, Methoden entwickeln sollen, die völlig anderer wissenschaftlicher-methodischer Ansätze bedürfen. Die Ergebnisse sind dementsprechend mager und unbefriedigend.

 

Das 3R-Konzept ist ein Etikettenschwindel

Offenbar hat sich aus diesem Dilemma heraus das 3R-Konzept, 1959 begründet von den Wissenschaftern Russel und Burch, so nachhaltig durchgesetzt und etabliert. Die drei Rs leiten sich von den englischen Begriffen reduce (Reduzieren), refine (Verfeinern) und replace (Ersetzen) ab. Demnach gilt schon als "Alternativ- bzw. Ersatzmethode", wenn eine geringere Anzahl von Versuchstieren eingesetzt wird (reduce) oder wenn die Tiere weniger Leiden und Schmerzen ertragen müssen, indem sie etwa in größeren Käfigen untergebracht werden (refine).
Die Verwendung der Begriffe "Alternativ- bzw. Ersatzmethode" für Methoden, bei denen weiterhin Tiere, wenn auch in geringerer Anzahl und unter vermuteten weniger Leiden und Schmerzen, eingesetzt werden, ist ein Etikettenschwindel mit schwerwiegenden Folgen, da er mittlerweile leider auch von wichtigen Entscheidungsträgern übernommen wird:

  • So laufen derzeit Bestrebungen, die Definition von Begriffen in Gesetzestexten zu ändern, so dass etwa unter "alternativen Versuchsmethoden" nicht mehr wie ursprünglich jene verstanden werden, bei denen überhaupt keine Tiere verwendet werden, sondern verwirrender Weise auch Methoden, "bei denen sich die Zahl der verwendeten Tiere deutlich reduziert oder bei denen das Leiden der Tiere deutlich verringert wird".
  • Ministerien vergeben die ohnehin spärlichen öffentlichen Forschungsgelder für "Alternativ- und Ersatzmethoden" an Personen und Einrichtungen, die Projekte im Sinne der 3Rs - also mit zusätzlichen (!) Tierversuchen - durchführen. Ja, es wird sogar wider Erwarten der österreichische Staatspreis zur Förderung von Alternativen zum Tierversuch an Personen vergeben, die für ihre prämierte Arbeit lebende Tiere "verbraucht" haben.


Die mangelhaft informierte Öffentlichkeit und die Medien werden im Glauben gehalten, dass größte Anstrengungen unternommen werden, Tierversuche zu reduzieren und abzuschaffen. Selbst TierschützerInnen gehen dieser Strategie auf den Leim und unterstützen das 3R-System in der irrigen Hoffnung, das Leiden der Tiere verringern zu können. Dass dem nicht so ist, zeigt uns die nüchterne Betrachtung der Zahlen der jährlichen amtlichen Tierversuchsstatistiken der EU-Mitgliedstaaten.

 

Tierversuche nehmen trotz vermehrter"Alternativmethoden" zu

Die Anzahl der Tierversuche nimmt - trotz der Entwicklung von zahlreichen "Alternativmethoden" - in den letzten Jahren europaweit zu.
Und wieso? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil es sich bei den sogenannten "Alternativen" nicht um tierversuchsfreie Verfahren handelt und Tiere weiterhin, ja sogar vermehrt, in Versuchen große Ängste, Qualen, Schmerzen und Leiden erdulden müssen - bis zu ihrem unausweichlichen Tod im Labor.

 

Die Validierung - ein Hürdenlauf

Unter Validierung versteht man die Bewertung der wissenschaftlichen Qualität einer Methode. Und bevor ein tierversuchsfreies Verfahren behördlich anerkannt wird, muss es den Hürdenlauf eines aufwendigen Validierungsprozesses durchlaufen (dem übrigens Tierversuche nicht unterzogen werden müssen!), der im Durchschnitt zehn Jahre dauert.

 

Tierversuche sind nicht reproduzierbar

Das größte methodische Problem dabei ist jedoch, dass die Ergebnisse der tierversuchsfreien Methode mit den Ergebnissen des Tierversuches, der ersetzt werden soll, verglichen werden und mit diesen übereinstimmen müssen. Doch die Tierversuche liefern unverlässliche, unsichere und nicht reproduzierbare Ergebnisse: Untersuchungen haben gezeigt, dass Tierversuche, durchgeführt mit ein- und derselben Versuchsanordnung in verschiedenen Labors unter den gleichen Bedingungen und Voraussetzungen, unterschiedliche Ergebnisse liefern.

 

Tierversuche sind nicht übertragbar

Dazu kommt noch, dass sich die Ergebnisse aus dem Tierversuch nicht auf den Menschen übertragen lassen. Die weltweit über 8.000 wegen schwerster Nebenwirkungen und auch tödlichen Folgen beim Menschen zurückgenommenen Arzneimittel beweisen die Untauglichkeit der Tierversuche für die Bewertung der Sicherheit und Unbedenklichkeit für den Menschen. Auch nehmen - trotz millionenfacher Tierversuche - die Umwelt- und Lebensmittelbelastungen mit gefährlichen Stoffen kontinuierlich zu. Bei der Behandlung von Aids, Krebs, Allergien, Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen etc. sind kaum Fortschritte zu verzeichnen.
DDr. Christopher Anderegg: "Gemäß Studien der chemischen Industrie selbst erweisen sich 90 bis 95 Prozent der Produkte, die im Tierversuch für sicher oder wirksam befunden wurden, während der klinischen Prüfungen am Menschen als unbrauchbar oder gefährlich."
Unter diesem Aspekt, dass Tierversuche nicht verlässlich reproduzierbar sind und sich auf den Menschen schlecht übertragen lassen, stellt diese Art der Validierung einen großen Hemmschuh bei der Entwicklung und Anerkennung von tierversuchsfreien Verfahren dar.

 

Menschliche statt tierische Zellkulturen

Wenn sich die Ergebnisse vom Tier nicht auf den Menschen übertragen lassen, so auch nicht Untersuchungen auf der Basis tierischen "Materials". Wegen der Nichtübertragbarkeit, der Artenschranke und den damit verbundenen bekannten Immunabwehrreaktionen ist aus wissenschaftlicher Sicht zum Schutze der VerbraucherInnen die Verwendung von tierischen Organen, Geweben und Zellen abzulehnen.

 

Anerkennung durch alle führenden Industriestaaten

Schafft eine tierversuchsfreie Methode die behördliche Anerkennung, so kann sie - aber nur auf Antrag - in internationalen offiziellen Prüfrichtlinien Aufnahme finden. Dies hat den enormen Vorteil, dass eine derartige Methode europaweit und bei Anerkennung durch die OECD (= Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der u.a. Europa, Japan und die USA angehören) mit einem Schlag in allen führenden Industriestaaten zur Anwendung gelangt.

  • Im Juni 2000 wurden durch die EU zwei tierversuchsfreie Toxizitätstests als offizielle Prüfmethode anerkannt: eine Methode zur Prüfung auf Ätzwirkung an der Haut und eine Methode zur Prüfung auf phototoxische Eigenschaften, worunter man die Feststellung von schädlichen Eigenschaften einer Substanz unter Einwirkung von Licht versteht.

  • Im Mai 2002 wurden von der OECD vier Methoden als "Alternativmethoden" anerkannt, wobei es sich bei einem Test, dem TER-Test an Rattenhaut (TG 430) um ein 3R-Verfahren handelt. Ratten werden eigens getötet, um Substanzen auf Ätzwirkung an der Haut an der isolierter Rattenhaut zu testen. Für jede Testsubstanz werden drei Hautstücke verwendet. Nur die drei verbleibenden Tests sind tatsächlich tierversuchsfreie Methoden: eine Methode zur Prüfung auf Hautresorption mit menschlicher Haut (TG 428), die Methode zur Prüfung auf Ätzwirkung an der Haut - mit künstlichen menschlichen Hautmodellen (TG 431) und die Methode zur Prüfung auf phototoxische Eigenschaften (TG 432).

  • Am 27. April hat der Beratende Wissenschaftliche Ausschuss (ESAC), der sich aus Vertretern aller 25 EU-Mitgliedstaaten zusammensetzt, fünf Alternativmethoden, die vom Europäischen Zentrums zur Validierung alternativer Methoden (ECVAM; eine Einrichtung der EU-Kommission) validiert worden sind, bestätigt und zur Anwendung frei gegeben.

    Zwei Tests davon werden künftighin den bislang an Kaninchen durchgeführten Draize-Hautreizungstest völlig ersetzen, indem mit künstlicher menschlicher Haut festgestellt wird, inwieweit eine Chemikalie hautreizend ist oder nicht. Bis jetzt wurden etwa 20.000 Kaninchen jährlich für den Hautreizungstest innerhalb der EU verwendet.

    Zwei weitere Tests (an Rinder- oder Pferdeaugen von Schlachttieren etwa) können den Draize-Augenreizungstest, der auch an Kaninchen durchgeführt wird, nur teilweise ersetzen, weil damit lediglich Chemikalien, die zu schwerer Augenreizung führen, identifiziert werden können. Doch ECVAM prüft derzeit acht Tests, inwieweit diese den Augenreizungstest am Kaninchen für die Feststellung leicht reizender Chemikalien ersetzen können.

    Bein fünften validierten Test handelt es sich um kein tierversuchsfreies Verfahren, sondern lediglich um eine neu angelegte Tierversuchsteststrategie zur Erkennung von allergisierenden Stoffen, indem den Versuchstieren nur mehr die höchste Dosis verabreicht wird, so dass mit dem neuen Haut-Allergietest an Tieren fünfzig Prozent von Versuchstieren, etwa 240.000 Mäuse jährlich, eingespart werden können.

Alles in allem ein noch immer mageres Ergebnis jahrzehntelanger Forschung nach tierversuchsfreien Methoden, das sich - wie die amtlichen Statistiken beweisen - nicht auf eine Verringerung von Tierversuchen auswirkt.

Damit die Anzahl der Tierversuche nicht noch weiter steigt und es endlich mittelfristig zu einer deutlichen Reduzierung von Tierversuchen kommt, fordern wir:

  • eine saubere und transparente Definitionstrennung der Begriffe. Um Missverständnissen im vorhinein zu begegnen, verwenden wir selber nur mehr den Begriff "tierversuchsfreie Methode", der auch in Gesetzestexten Anwendung finden soll. Denn nur bei diesem Begriff kommt eindeutig zum Ausdruck, dass es sich um ein Verfahren handelt, bei dem keine Tiere eingesetzt werden.
  • eine großzügige Förderung der Entwicklung von tierversuchsfreien Methoden.
  • dass Projekte, die Tierversuche beinhalten, nicht länger mit unseren Steuergeldern finanziert werden.
  • dass tierversuchsfreie Methoden nicht an Tierversuchsergebnissen validiert werden, da die Daten aus Tierversuchen ungenau, unverlässlich, nicht reproduzierbar und auf den Menschen nicht übertragbar sind.
  • eine Beschleunigung des Validierungsverfahrens insgesamt.
  • die sofortige verbindliche Übernahme einer validierten Methode in die Rechtsvorschriften; zugleich ist der dadurch ersetzte Tierversuch mit sofortiger Wirkung zu verbieten.
  • die Verwendung von menschlichen Zell-, Gewebe- und Organkulturen, da nur diese eine verlässliche Aussage und Übertragbarkeit auf den Menschen zulassen.
  • die Errichtung einer menschlichen Gewebebank, auf die Forscher auf rechtlich und ethisch geklärter Basis zurückgreifen können.

Wenn Sie unsere Forderungen unterstützen möchten, schreiben Sie bitte an:

Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer
BM für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Minoritenplatz 5, A-1014 Wien
Tel.: +43/1/53 120-0, Fax: +43/1/53 120-3099
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

... bezüglich der Validierung an ECVAM (=European Centre for the Validation of Alternative Methods), einer Forschungseinrichtung der Europäischen Kommission, die für die Validierung von tierversuchsfreien Methoden zuständig ist:

Herr Direktor Dr. Thomas Hartung
ECVAM-Joint Research Centre, Ispra site
via E. Fermi 1, I-21020 Ispra (VA), Italy
Tel.: +39 0332 789111, Fax: +39 0332 789001
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