Hans Wollschläger

    Hans Wollschläger
17.03.1935 - 19.05.2007

Die Meldung vom Tod Hans Wollschlägers hat mich erst verspätet (im Ausland) erreicht und mich sehr, sehr traurig gemacht. Ich war mit ihm befreundet und habe ihn zuletzt im Winter 2006 in München gesehen. Da machte er sich noch in seiner sarkastischen Art über seinen angeschlagenen Gesundheitszustand lustig. Und obwohl er schon zwei Herzinfarkte hinter sich hatte und einmal nur durch einen rasanten Autotransport in letzter Minute gerettet worden war, kam ich nicht auf den Gedanken, daß er bald sterben könnte. Die Lust, noch an dem Wunder des Lebens und Denkens beteiligt zu sein, blitzte ihm nach wie vor aus den Augen und durch die selbstironischen Bonmots. Er hatte sogar angefangen, Chinesisch zu lernen (seine 13. Sprache…), um seinen Kopf mit dieser neuen Herausforderung beweglich zu halten.

Es war aber nicht die geistige Beweglichkeit, die ihm gefehlt hätte, vielmehr war die Aufnahmefähigkeit und die Klarheit dieses Kopfes vielleicht eben der Grund, daß er die Welt nicht mehr aushielt. Er konnte seinen Intellekt, mit dem er das Böse und Dumme klarsichtig analysierte, nicht von seinem seelischen Mit-Leiden abspalten. Der Druck des entsetzlichen allgegenwärtigen Unrechts gegen Mensch und Tier wurde mit der wachsenden Hoffnungslosigkeit angesichts der triumphierenden Gemeinheit langsam stärker als die kämpferische Leidenschaft, die ihn getragen hatte, führte in die - mit Spott verkleidete - Depression.

Es war am Ende nur eine Lungenentzündung, die ihn im März ins Klinikum Bamberg brachte. Seine Frau ist überzeugt davon, daß die geballte Ladung von Medikamenten und chemischen Therapien in den letzten Wochen seinem geschwächten Körper den Rest gegeben hat. Aber sie sagt auch, daß der Zustand der Welt und die Ohnmacht der Aufklärung sein Herz versagen ließ.

"Ein Universalgelehrter, Übersetzer, Autor, Essayist, Psychoanalytiker, Organist, Dirigent, Literaturwissenschaftler, Historiker", so bezeichnet die Universität Bannberg, die ihm 1990 die Ehrendoktorwürde verliehen hat, Hans Wollschläger in ihrem Nachruf. Eine bloße Aufzählung, die nichts von den Inhalten seiner Arbeit erkennen läßt. Und nichts von seinem Engagement für Tiere. Auch die Stadt Bamberg rühmt ihrem Ehrenbürger dergleichen nicht nach.

Wie Helmut Kaplan anmerkt, war er der erste namhafte (deutsche Intellektuelle unserer Zeit, der - außerhalb der Tierrechtsszene - Tierrechte öffentlich zur Sprache brachte und in einer fulminanten Streitschrift radikal einforderte. Der den ‚kollektiven Sadismus’ diagnostizierte. Der die strukturelle Ungerechtigkeit erkannte und sie nicht hinter den Schutzschild ,Das ist doch was ganz anderes!’ zurückdrängte. Der keinen sauberen Trennstrich zwischen Mensch und Tier zog, um das bewußt zugefügte maßlose Leid jenseits dieser Linie einfach aus der Wahrnehmung auszublenden, wie es alle anderen tun. Der kompromißlos Partei nahm für die Opfer. Und der sich auch nicht scheute, die Täter in unverblümter Sprache Täter zu nennen.

Zu ergänzen ist leider, daß Hans Wollschläger als Autor (und darüber hinaus) nicht nur zu den ersten Parteigängern der neuen Tierrechtsbewegung gehörte, sondern auch - mit Ausnahme von Helmut Kaplan und Karlheinz Deschner - der einzige geblieben ist aus der Gilde der Schriftsteller und Dichter, der Berufsphilosophen und Berufsethiker, der Feuilletonisten, Kulturspezialisten und Alles-Besprecher. Sie haben seinen Paukenschlag ,Das Potential Mengele’ mit der gleichen Indifferenz hingenommen wie sie die schaurigen Tatsachen selbst hinnehmen. Daß Hans Wollschläger in diesen festgemauerten Überbau speziesistischer Selbstgerechtigkeit keine größere Bresche schlagen konnte, auch das gehört zu seiner Tragik.

An Preisen und Lobreden hat es nicht gefehlt, für seine kongeniale Übersetzung des literarischen Monuments "Ulysses" von James Joyce vor allem; für seine Sprachmächtigkeit, seine Rhetorik und Vortragskunst, seine Essays zu Literatur und Musik.

Von seinem Humanismus, der die Anthropozentrik hinter sich gelassen hatte, ist kaum die Rede. Und so müssen wir das nachholen und ihn in die Ehrengalerie der großen Vordenker der Tierrechte stellen, nicht weit von Plutarch, Montaigne und Leonardo da Vinci.

 

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