EU-Bürgerbeauftragte gibt Untersuchung in Auftrag

Der Europäische Bürgerbeauftragte hat die EU-Kommission aufgefordert, bis Ende April 2010 zu den Vorwürfen, dass bei der Erarbeitung einer Stellungnahme über die Verwendung von Affen in der Forschung und zu Testzwecken unausgewogen und unwissenschaftlich vorgegangen worden sei, Stellung zu beziehen.

Zur Vorgeschichte:

Am 25. September 2007 hat das Europäische Parlament mit großer Mehrheit eine Erklärung verabschiedet, mit der die Kommission aufgefordert wurde, die Verwendung von Menschenaffen und von in freier Wildbahn gefangener Affen zu verbieten und Tierversuche an den anderen nichtmenschlichen Primaten schrittweise durch Ersatzmethoden zu ersetzen.

In der Folge hat die „Generaldirektion Umwelt“ der Europäischen Kommission den „Wissenschaftlichen Ausschuss für Gesundheit und Umweltrisiken“ (SCHER) mit der Erarbeitung einer wissenschaftlich fundierten Stellungnahme beauftragt, wobei zunächst die Forschungsgebiete und Tests, bei denen nichtmenschliche Primaten eingesetzt werden, eruiert werden sollen. Weiters sollen die Ersatzmethoden oder Methoden, mit denen z.B. weniger Affen verwendet werden können oder auf andere Tierarten ausgewichen werden kann, ausfindig gemacht werden. Ebenso soll untersucht werden, in welche Forschungsgebiete investiert werden soll, um Ersatzmethoden zu entwickeln. Auch sollte ein Zeitplan für einen schrittweisen Ausstieg aus den Tierversuchen mit Affen aufgestellt werden und weitere Fragen geklärt werden.

Die Stellungnahme von SCHER wurde unter dem Titel „The need for non-human primates in biomedical research, production and testing of products and devices“ am 13. Jänner 2009 von dieser herausgegeben.

Daraufhin hat die englische Tierschutzorganisation, die „Europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen“, eine Beschwerde beim Europäischen Bürgerbeauftragten eingereicht. Insbesondere kritisiert sie die einseitige Zusammensetzung der Arbeitsgruppe, die nicht einmal mit einem Experten für tierversuchsfreie Methoden besetzt wurde. Weiters beanstandet sie, dass übermittelte Informationen über die wissenschaftlich belegte Unzuverlässigkeit von Affenversuchen nicht in die Bewertung mit aufgenommen wurden.

Die Arbeitsgruppe SCHER kommt in ihrer Stellungnahme zu dem lapidaren Schluss, „dass die Verwendung nichtmenschlicher Primaten aufgrund ihrer großen und zuweilen einzigartigen Ähnlichkeiten zum Menschen auch weiterhin notwendig ist“.
Zu dem logischen Schluss, dass gerade die große Ähnlichkeit mit dem Menschen die Durchführung von Experimenten und Tests an Affen geradezu verbiete, kann SCHER allein schon deshalb nicht kommen, weil sie ganz bewusst und programmatisch die Einbeziehung ethischer Aspekte ausgeklammert hat.

Das Thema Tierversuche ist seit jeher mit ethischen Fragestellungen unweigerlich eng verknüpft - das eine kann nicht getrennt vom anderen betrachtet werden. Gerade eine wissenschaftliche Untersuchung über die experimentelle Verwendung von Affen kann sich nicht bequem an der zentralen Frage vorbeischwindeln, inwieweit wir zum menschlichen Zwecke und dessen (vorgeblichem) Wohle Millionen von Lebewesen absichtlich der Freiheit berauben, ihnen alle nur erdenklichen Leiden, Qualen und Schmerzen zufügen und sie auf alle nur erdenkliche Arten töten dürfen - außer man möchte unter Ausblendung aller gesellschaftspolitischer Entwicklungen zu einer einseitigen Beurteilung kommen ...

Der EU-Bürgerbeauftragte, Nikiforos Diamandouros, lässt nun die Vorkommnisse rund um die Studie überprüfen.
Es ist zu hoffen, dass die zurecht in Misskredit geratene Studie nicht kritiklos von der EU-Politik dazu verwendet, sich vor dem Entschluss zu drücken, den Ausstieg aus den Tierversuchen mit Affen in der neuen EU-Tierversuchsrichtlinie, deren Überarbeitung bald abgeschlossen sein wird, gesetzlich zu verankern.

Dokumente:
Stellungnahme von SCHER (englisch)
Zusammengefasster Bericht davon (deutsch)