Die letzte aktuelle Info zu diesem Thema - vom 19.04.2017 - finden Sie am Ende des Artikels:
Affenversuche wurden endlich eingestellt

Der SOKO Tierschutz e.V. hat den grausamen Umgang mit Affen am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in einer Undercover-Recherche aufgezeichnet. Ein halbes Jahr lang hat ein Tierpfleger mit versteckter Kamera festgehalten, was sich hinter den für die Öffentlichkeit verschlossenen Türen des Tierversuchslabors verbirgt.

 

Wir warnen: Es handelt sich um schreckliche Bilder, um Bilder des immensen Leidens der Tiere in den Tierversuchslabors, die im Namen der Wissenschaft und des medizinischen Fortschrittes, gesetzlich gedeckt und unter dem Aspekt der Nützlichkeit für den Menschen auch ethisch abgesegnet sind.

Am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik werden seit Jahren Rhesusaffen im Rahmen der Grundlagenforschung für die Hirnforschung eingesetzt. Den Affen wir ein Loch in den Schädel gebohrt und Elektroden in das Hirn implantiert. Die Experimentatoren behaupten, dass das Gehirn selbst schmerzunempfindlich sei, so dass derartige Eingriffe lediglich als „mittlere“ und nicht etwa als “schwere“ Belastungsstufe, für die strengere Genehmigungsverfahren gelten würden, bewertet werden. Doch die Aufnahmen zeigen, dass dem nicht so ist. So versucht ein Affe etwa, sich das Implantat vom Kopf zu reißen; ein Affe ist aufgrund einer Infektion des Implantats halbseitig gelähmt; auch sind Verhaltensstörungen zu beobachten.

 

Dann werden manche Affen an den Primatenstuhl gewöhnt: Sie werden, wie nun die Aufnahmen belegen, mit Gewalt aus dem Käfig gezerrt und im Primatenstuhl völlig bewegungslos gemacht. Der Kopf, auf den ein Bolzen zementiert ist, wird eigens fixiert. Entgegen der Behauptung von Experimentatoren, dass die Tiere „gut kooperieren“, dass sie etwa zur Fixierung am Primatenstuhl nicht betäubt werden müssen, ist nun dokumentiert, dass dies sehr wohl getan wird und ein vorher betäubter Affe beim Aufwachen – nun fixiert im Primatenstuhl - in volle Panik gerät.

Die Tiere werden allmählich daran gewöhnt, fünf Mal in der Woche, je fünf Stunden lang mit den Experimentatoren im Primatenstuhl vor Bildschirmen zu „arbeiten“. Entgegen der Behauptung der Experimentatoren, dass die Tiere freiwillig mitarbeiten, ist nun dokumentiert, dass die Affen tagelang nichts zum Trinken bekommen, also über den Flüssigkeitsentzug fügig gemacht werden. Sie werden bei der Lösung diverser Aufgaben mit der tropfenweisen Verabreichung von Flüssigkeit belohnt.
Im Film sieht man wie die Affen nach der Reinigung der Käfige die Gitterstäbe nach Wassertropfen absuchen. Auch sollen sie vor lauter Durst ihren eigenen Urin trinken.
Am Ende der Versuchsreihe werden die Tiere schließlich getötet und weitere Untersuchungen an ihnen vorgenommen.

Derartige Versuchsreihen werden mit der Begründung vorgenommen und behördlich auch genehmigt, dass damit diverse noch offene Fragen über die Funktionsweise des Gehirns (wie etwa die der Wahrnehmung und des Gedächtnisses) beantwortet werden können, was vielleicht – irgendwann – gar für die medizinische Behandlung des Menschen etwa – nutzvoll sein kann. Diese vage Zielformulierung reicht offensichtlich aus, die Schaden-Nutzen-Analyse zu Ungunsten der Tiere vorzunehmen und darüber hinaus die Experimente ethisch zu rechtfertigen.

Forschungen wie diese sind eine ungeheure Sackgasse, in die unsere Wissenschaft, unser Rechtssystem und unsere Ethik geraten sind. Denn welcher vernünftige Mensch mit nur etwas Verstand, Herz und Moralempfinden kann nachvollziehen, dass diese Experimente, bei denen Affen unter völlig artwidrigen Laborbedingungen und brutalem, künstlichem Versuchsdesign, erzwungener Weise, unter unvorstellbarem Leidensdruck, psychisch gebrochen bestimmte Aufgaben zu lösen haben, einen wissenschaftlichen Aussagewert haben können, der darüber hinaus ihre unsagbaren Leiden und ihren Tod ethisch rechtfertigen?

Deutsche TierschützerInnen und TierversuchsgegnerInnen fordern eine sofortige Änderung des deutschen Tierschutzgesetzes. „Diese schockierenden Versuche sind möglich, weil das deutsche Tierversuchsrecht bei der Feststellung der Unerlässlichkeit und der ethischen Vertretbarkeit von Tierversuchen versagt. Um diesen skandalösen und tierschutzwidrigen Zustand zu beseitigen, muss die Regierung unverzüglich das eigenständige Prüfrecht der Behörden für Versuchsanträge im Tierschutzgesetz festschreiben, wie dies die EU-Tierversuchsrichtlinie 2010/63 /EU in Artikel 38 von allen Mitgliedstaaten verlangt“, so Christina Ledermann, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Menschen für Tierrechte.

Unser Partnerverein, „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“, der sich schon jahrelang gegen die Affenhirnforschung einsetzt, betont, dass es überhaupt auch ganz anders geht:
„Wie sinnvolle Hirnforschung aussehen kann, zeigen Forschergruppen der Universität Gießen. Am dortigen Zentrum für Psychiatrie werden zur Erforschung verschiedener Erkrankungen im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Neurowissenschaft das Denken und Erleben des Menschen und dessen neuronale Grundlagen bei Patienten und gesunden Menschen erforscht. „Dabei konnten bereits viele klinisch wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, die kranken Menschen zu Gute kommen“, erläutert Ärztin Katharina Kühner, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche, die in einer der Gießener Forschungsgruppen ihre Dissertation absolvierte.

„Eine auf reiner Neugier basierende Tierversuchsforschung ist ethisch nicht zu rechtfertigen, blockiert den medizinischen Fortschritt und ist eine immense Verschwendung an Steuergeldern“, so Kühner weiter. Der Verein fordert von der grün-roten Landesregierung, sich nicht weiter aus der Verantwortung zu ziehen, sondern endlich den Ausstieg aus der nachweislich höchst leidvollen und medizinisch irrelevanten Primatenhirnforschung zu erklären. Stattdessen solle in tierversuchfreie Forschungsmethoden investiert werden. Im Gegensatz zu Tierversuchen können mittels bildgebender Verfahren, Patientenstudien und Computersimulationen Krankheiten und Funktionen des menschlichen Gehirns sinnvoll untersucht werden, so der Ärzteverein abschließend.“

 

 

Danksagung
Wir bedanken uns bei der SOKO, CFI (vormals BUAV), bei dem Sender stern TV (der exquisit über das Leid der Versuchstiere am MPI berichtet hat und weiterhin diesen Fall thematisiert und diskutiert), und insbesondere bei dem Tierpfleger, der den Mut, die Ausdauer und psychische Stärke aufgebracht hat, diese erschütternden Vorgänge im Affenlabor zu dokumentieren.

Weiterführende Infos unter:

 

Siehe auch unter:

 

17.02.2015:
Aber wie ist es nun weitergegangen?
Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik hat alle Vorwürfe zurückgewiesen, obwohl eindeutig die verdeckt gemachten Videoaufnahmen das Leid der Tiere dokumentieren.
Die verantwortliche Behörde - das ist das Tübinger Regierungspräsidium, das für die Genehmigung und auch für die Kontrolle der Versuche zuständig ist – hat einen Bericht zur Untersuchung der Vorwürfe angefordert. Mitte Jänner teilte dann das Regierungspräsidium Tübingen als „Zwischenstand“ mit, dass die Affenexperimente ohne irgendwelche Auflagen fortgesetzt werden können, weil keine Verfehlungen feststellbar seien.

Doch Ende Jänner 2015 kam es unerwarteterweise zu einer Hausdurchsuchung des Institutes durch die Tübinger Staatsanwaltschaft. Als Auslöser werden mehrere nach dem stern TV-Beitrag eingegangene Strafanzeigen genannt, wonach der Verdacht des wiederholten Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz besteht. Bei der Hausdurchsuchung wurden zahlreiche Unterlagen und Aufzeichnungen sichergestellt, die nun ausgewertet werden.

Etwa 20 Anzeigen sind beim Polizeipräsidium Reutlingen von MitarbeiterInnen des MPI eingegangen, da sie wegen den erschütterten Bilder aus dem Versuchslabor telefonisch oder schriftlich beleidigt und bedroht worden sein sollen.

30.04.2015:
Die Max-Planck-Gesellschaft informierte, dass Prof. Dr. Nikos Logothetis, tätig in der Abteilung „Physiologie kognitiver Prozesse“ am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, „nach Abschluss der laufenden und bereits genehmigten Experimente an Primaten zukünftig ausschließlich an Nagetieren forschen wird“. Dies wird nach Aussage des Oberbürgermeisters von Tübingen Boris Palme noch zwei, drei Jahre dauern. Logothetis hat seine Entscheidung selber nicht begründet.
Inwieweit sich Logothetis persönliche Entscheidung auf die Primatenforschung am MPI insgesamt auswirken wird, bleibt offen.
Die Landesbeauftragte für Tierschutz, Frau Dr. Cornelie Jäger, sieht jetzt die Chance gegeben, aus den invasiven Experimenten an Rhesusaffen überhaupt auszusteigen. Auch stellt sie zu Recht die Unerlässlichkeit derartiger Eingriffe in Frage: „Wenn ein auf seinem Gebiet so renommierter Forscher wie Nikos Logothetis die chronisch-invasiven Neurokognitionsexperimente an Rhesusaffen künftig für entbehrlich hält, dann stellt sich die Frage, ob nicht auch für andere vergleichbare Versuche die zwingende Notwendigkeit – also die Unerlässlichkeit, so zu forschen – überhaupt noch besteht“, versucht Jäger die weiteren Auswirkungen der aktuellen Entscheidung abzuschätzen. Die Unerlässlichkeit eines Tierversuchs für die Beantwortung einer Fragestellung ist nach dem Tierschutzrecht eine der wichtigsten Genehmigungsvoraussetzungen.

09.08.2016:
Wie einer Pressemitteilung von SOKO Tierschutz e.V. zu entnehmen ist, soll der Institutsleiter Prof. Dr. Nikos Logothetis - noch vor der im Jänner 2015 von der Staatsanwaltschaft angeordneten Hausdurchsuchung - die Vernichtung des gesamten Bildmaterials der Tierversuche angeordnet haben. Diesen Sachverhalt sollen Mails belegen, welche SOKO Tierschutz anonym erhalten hat. SOKO Tierschutz hat nun Anzeige gegen Logothetis erstattet und der Staatsanwaltschaft empfohlen, die beschlagnahmten Festplatten auch nach gelöschten Daten zu durchforsten.
(Quelle: http://www.presseportal.de/pm/110736/3398996)

13.12.2016:
Das Regierungspräsidium, das für die Genehmigung von Tierversuchen in Tübingen zuständig ist, teilte stern TV mit (jenem Sender, welcher 2014 erstmals über die Primatenversuche berichtet hat), dass bereits ein neuer Primatenversuch beantragt und zwei weitere verlängert worden seien. (Quelle: www.stern.de vom 13.12.2016) Dies widerspricht völlig der am 30.04.2015 getätigten Aussage der Max-Planck-Gesellschaft, dass Prof. Dr. Nikos Logothetis „nach Abschluss der laufenden und bereits genehmigten Experimente an Primaten zukünftig ausschließlich an Nagetieren forschen wird“.

19.04.2017:
Medienberichten zufolge (siehe etwa "Tübinger Max-Planck-Institut beendet Affenversuche" in  Zeit Online vom 19. April 2017) hat nun das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik endlich - wie am 30.04.2015 angekündigt - die Affenversuche auslaufen lassen bzw. eingestellt. Es sollen sich keine Affen mehr am Institut befinden. Die Öffentlichkeit wurde aber weder vom MPI noch von den Behörden davon unterrichtet, wohin die noch überlebenden - vermutlich zehn - Affen gebracht wurden. Es wird angenommen, dass diese Tiere an andere Tierversuchseinrichtungen weitergegeben wurden.
Nun hat sich die berühmte Primatenforscherin Dr. Jane Goodall eingeschaltet und an das MPI appelliert, die Affen umgehend in einer Auffangstation unterzubringen.