Der Vierte Bericht, der am 20.01.2005 dem Rat und dem Europäischen Parlament von der EU-Kommission vorgelegt wurde, enthält die statistische Erfassung der im Jahr 2002 innerhalb der EU verwendeten Versuchstiere. Mit dem Vierten Bericht haben es endlich alle fünfzehn Mitgliedstaaten geschafft, ihre Tierversuchsdaten in der vereinbarten einheitlichen Form – in acht harmonisierten Tabellen – abzuliefern.

Frankreich hat es - wie schon beim Ersten und Zweiten Bericht – auch diesmal wieder nicht geschafft, die Daten vom erforderlichen Jahr vorzulegen. Es hat ganz einfach die Daten vom Jahr 2001 gemeldet, was befremdlicher Weise abermals von der Kommission akzeptiert wurde. Luxemburg hat nur die Daten für die ersten zwei Tabellen abgeliefert, die genauen Aufschlüsselungen zu den Tabellen 3 – 8 fehlen einfach.

Konnte man noch Verständnis für die vielen Uneinheitlichkeiten und Ungereimtheiten, aber auch Schlampereien, wie sie in den ersten drei Berichten zutage getreten sind, aufbringen, so kann dies, nach nun über 10 Jahren Vorlaufzeit doch wirklich nicht mehr kommentarlos hingenommen werden. Kommt sich die EU-Kommission denn nicht gefrotzelt vor oder liegt es gar nicht in ihrem Interesse endlich ein verlässliches, vergleichbares und somit aussagekräftiges Datenmaterial vorzulegen?

Abgesehen nun von der französischen Ungleichzeitigkeit und der luxemburgischen Kurzvariante, liegen erstmals Daten auf, die man halbwegs verlässlich vergleichen kann – aber auch nur länderweise. Ein Vergleich gegenüber den Vorjahresberichten ist aufgrund des damals lückenhaften, divergierenden Datenmaterials und der uneinheitlichen Erfassung nach wie vor fragwürdig (siehe dazu unsere Stellungnahme zum Dritten Bericht). Erst mit dem zukünftigen Fünften Bericht wird ein seriöser Vergleich zu den Vorjahren angestellt werden können.

Insgesamt sind im Jahr 2002 innerhalb der EU mit den noch 15 Mitgliedstaaten fast 11 Millionen lebende Wirbeltiere, genau 10.731.020, für Experimente und Tests eingesetzt worden und – von wenigen Ausnahmen abgesehen - auch getötet worden.
Frankreich verzeichnet die höchste Anzahl an Versuchstieren (2.212.294), gefolgt von Deutschland (2.071.568) und England (1.817.485). Österreich liegt mit seinen 192.062 Tieren an 12. Stelle. Die geringste Anzahl hat der Kleinstaat Luxemburg mit 5.320 Versuchstieren zu melden.

Am häufigsten wurden Mäuse (5.459.729, das sind 50,9 %), gefolgt von den Ratten (2.311.344, das sind 21,5 %) und Fischen (1.586.403, das sind 14,8 %) eingesetzt. Somit machen die Mäuse, Ratten und Fische 87,2 % von den gesamt verwendeten Tierarten aus. In absteigender Reihenfolge wurden weiters Kaninchen, Meerschweinchen, "Andere Vögel", Schweine, Amphibien, "Andere Nager" usw. verwendet. Auch Hunde (21.116), Affen (10.362), Pferde (4.677) und Katzen (3.808) wurden zu Experimenten herangezogen. Einzig erfreulich: Kein Menschenaffe wurde für belastende Tests verwendet.

Seltsamer- und absurderweise wird (wie schon bei den vorhergehenden Berichten) die Herkunft der Versuchstiere und die Anzahl der erneut verwendeten Tiere nicht von allen 10.731.020 Tieren angegeben, sondern lediglich von den Mäusen, Ratten, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, Katzen, Hunde, Frettchen, Affen und Wachteln. Die Beschränkung auf diese Tierarten stellt eine völlig willkürliche Auswahl dar, die völlig sinnlos ist und offenbar nur dazu gut sein soll, die tatsächliche Situation zu verschleiern.

Von den - wie oben angeführt – willkürlich ausgewählten Tierarten kommen über 7 Millionen Tiere (7.298.686) aus registrierten Einrichtungen des berichtenden EU-Landes. Fast 1 Million Tiere (842.003) kommen aus anderen Mitgliedstaaten der EU. Inwieweit diese auch aus registrierten Zucht- oder Liefereinrichtungen kommen, geht nicht klar hervor.
Fast 30.000 Tiere, genau 29.773, sind erneut für einen Versuch verwendet worden. Auch diese Zahl bezieht sich – wie oben angeführt - nur auf die willkürlich ausgewählten Tierarten und nicht auf die Gesamtanzahl der verwendeten Versuchstiere im Jahre 2002.
Von 2.363.203 (!) Tieren fehlen somit die Herkunftsangaben und auch die Angabe der Anzahl der erneut verwendeten Tieren, nämlich zu "Andere Nager", "Andere Fleischfresser", Pferde, Schweine, Ziegen, Schafe, Rinder, "Andere Säugetiere", "Andere Vögel", Reptilien, Amphibien und sogar den Fischen (die ja 14,8 % der gesamt verwendeten Tiere ausmachen).

Der größte Teil der Versuchstiere (4.769.287, das sind 44,47 %) wurde für die Forschung, Entwicklung, Herstellung und Qualitätskontrolle von Produkten und Geräten der Human-, Zahn- und Veterinärmedizin eingesetzt.
Für die Grundlagenforschung wurden 3.728.426 Tiere, das sind, 34,7 % verwendet.
Für die Aus- und Fortbildung wurden 341.967 Tiere, das sind 3,2 %, und
für die Diagnose von Krankheiten wurden 227.333 Tiere, das sind 2,12 %, verwendet.

Insgesamt wurden an 1.066.047 Tieren, das sind 9,93 %, die äußerst schwer belastenden toxikologischen und sonstigen Unbedenklichkeitsprüfungen durchgeführt, davon hauptsächlich für Produkte und Geräte der Zahn-, Human- und Veterinärmedizin.
Für Kosmetika wurden dezidiert an 2.691 Tieren toxikologische Tests durchgeführt, davon an 2.591 Tiere allein in Frankreich. (Italien: 60; Dänemark: 40) Wie viele Tiere von den insgesamt 10.731.020 Tieren für die Entwicklung und Herstellung von Kosmetika sterben mussten, ist aus der vorliegenden Statistik nicht verlässlich ersichtlich und auch nicht eruierbar.

An 951.906 Tieren wurden die vorhin angeführten toxikologischen und sonstigen Unbedenklichkeitsprüfungen aufgrund rechtlicher Vorschriften (EU, Europarat, nationale und sonstige) vorgenommen;
an 114.141 Tieren wurden toxikologische Versuche durchgeführt, obwohl es hierfür keine Rechtsvorschrift gibt!
Im Zusammenhang mit Krankheiten von Mensch und Tier wurden insgesamt 6.203.399 Tiere, das sind 58 %, verwendet.
Davon 1.474.535 Tiere, das sind 23,8 %, für Nerven- und Geisteskrankheiten beim Menschen;
898.195 Tiere für spezielle Tierkrankheiten betreffende Untersuchungen (z.B. im Zusammenhang mit BSE, Vogelgrippe), das sind 14,5 %:
779.322 Tiere, das sind 12, 6 %, für Krebserkrankungen beim Menschen;
453.828 Tiere, das sind 7,3 %, für Herz-Kreislauferkrankungen des Menschen.
Der größte Teil jedoch, nämlich 898.195 Tiere, das sind 41,9 %, wurde in die Rubrik für "sonstige Krankheiten des Menschen" eingetragen. Es wäre angebracht, hier die Statistik im Sinne einer höheren, sinnvollen Aussagekraft weiter nach Krankheiten zu differenzieren wie Allergien, Diabetes etc.

Die folgende PDF-Datei (14 Seiten) enthält den Originalbericht der Kommission in deutscher Sprache – eine sehr informative, fundierte Zusammenfassung der Analyse der über 100 statistischen Tabellen.
Was fehlt, ist jedoch eine kritisch-reflektierende Zusammenschau, die es in den vorigen Berichten sehr wohl gegeben hat und die auch notwendig ist, um die Statistik weiter zu verbessern. So ist noch lange nicht die gesamte statistische Erfassung harmonisiert. Zum Beispiel werden Tiere, die eigens für Versuche getötet werden, etwa zur Organ-, Gewebe- oder Zellentnahme, in den verschiedenen Ländern bei der statistischen Erhebung unterschiedlich gehandhabt. In Österreich werden diese überhaupt nicht statistisch erfasst, in Italien, den Niederlanden und Schweden sehr wohl. Derartige Unterschiede verzerren natürlich enorm den tatsächlichen Verbrauch eines einzelnen Landes und schlussendlich die gesamte EU-Tierversuchsstatistik.

Die von der EU-Kommission konsolidierten Tabellen als auch die einzelnen Tabellen aller Mitgliedstaaten, die nur in englischer Sprache verfügbar sind, können Sie über diese PDF-Datei (189 Seiten) abrufen.