{"id":1042,"date":"2011-01-13T15:12:00","date_gmt":"2011-01-13T14:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tierversuchsgegner.at\/wpibt\/2011\/01\/13\/tier-gewinnt\/"},"modified":"2011-01-13T15:12:00","modified_gmt":"2011-01-13T14:12:00","slug":"tier-gewinnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tierversuchsgegner.at\/wpibt\/2011\/01\/13\/tier-gewinnt\/","title":{"rendered":"Tier gewinnt"},"content":{"rendered":"<\/p>\n<p>Vegetarier zu sein ist gerade in Mode. Das kann nerven. Aber sie haben dann eben doch v\u00f6llig Recht. Ein Essay \u00fcber die guten Gr\u00fcnde f\u00fcr den Fleischverzicht. <br \/><em>VON PETER PRASCHL <\/em><\/p>\n<\/p>\n<p><p>Es w\u00e4re sicher ein sch\u00f6ner Abend unter Freunden geworden. Aber dann konnten wir uns nicht auf ein Restaurant einigen. Lilo wollte partout nicht in diesen neuen Laden, der rauf und runter f\u00fcr seine Steaks ger\u00fchmt wurde, Pommer\u2019sches Rind und irgendeine unter Kennern geradezu beraunte irische Rasse. Ihr erwartet doch nicht wirklich von einer Vegetarierin, sagte sie, dass ich euch dabei zusehe, wie ihr eurer atavistischen Blutgier nachgeht und euch den ganzen Abend lang erz\u00e4hlt, wo ihr die besten Steaks eures Lebens vertilgt habt. Josef dagegen wollte nicht einsehen, dass Fr\u00e4ulein Empfindlich sich jetzt sogar schon herausnahm, anderen vorschreiben zu wollen, was sie nicht essen sollten, statt sich einfach ihren \u00fcblichen Salat zu bestellen, an dem wir schlie\u00dflich ja auch nicht herumm\u00e4kelten, obwohl es daf\u00fcr wei\u00df Gott genug Gr\u00fcnde gab. Als ob es nicht v\u00f6llig ausreichen w\u00fcrde, dass man mittlerweile zum Rauchen in die K\u00e4lte hinausgeschickt wird. Dann eben ohne Lilo, sagte Josef, wenn wir jetzt nachgeben, haben wir \u00fcber kurz oder lang die Ern\u00e4hrungsdiktatur, wehret den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das klang einerseits \u00fcberzeugend, wenn man sich selbst schon auf ein Steak gefreut hatte. Andererseits war es das Geblaffe eines typischen Fleischessers. Un\u00fcberh\u00f6rbar aggressiv, nicht bereit, vom eigenen Jagdeifer abzusehen. Vielleicht versuchen wir es in ein paar Monaten wieder. Wenn Lilo ihren Fleischverzicht m\u00f6glicherweise nicht mehr ganz so verbissen betreibt, wie es Konvertiten zu tun pflegen. Und Josef sich nicht mehr von lauter Frauen umzingelt f\u00fchlt, die ihm seinen Spa\u00df vermiesen wollen. Er ist in dieser Hinsicht ein wenig empfindlich geworden, seit seine beiden T\u00f6chter beschlossen haben, ihn f\u00fcr einen Tierqu\u00e4ler zu halten. Blo\u00df weil er sie dabei hatte zusehen lassen, wie er einen Hummer kopf\u00fcber in kochendem Wasser versenkte. Sie hatten sich nicht davon \u00fcberzeugen lassen, dass das Zappeln nichts zu bedeuten hatte, weil das Vieh davon nicht mehr das Geringste mitbekam. Haben sie denn gedacht, seufzte Josef, dass ihre Hamburger auf B\u00e4umen gewachsen sind?<\/p>\n<\/p>\n<p><p>Szenen wie diese kommen im Freundeskreis immer h\u00e4ufiger vor. Meistens sind es Frauen, die beschlie\u00dfen, dass es auch ohne Fleisch oder sogar ganz ohne tierische Produkte gehen k\u00f6nnte; und meistens M\u00e4nner, die sich dar\u00fcber lustig machen, mit all den Macker-Attit\u00fcden und herablassenden Spr\u00fcchen, die ihnen bei Bedarf immer so schnell einfallen. Dass es nun einmal in der Natur von M\u00e4nnern l\u00e4ge, ihre Z\u00e4hne in das Fleisch von Beutetieren schlagen zu wollen und Naturschutz wohl auch daf\u00fcr gelten m\u00fcsse, sagen sie, und dass sie keine Weicheier werden wollen wie diese verschnarchten M\u00fcslis aus dem Reformhaus, denen man im Gehen die Birkenstocks neu besohlen k\u00f6nne, so langsam w\u00e4ren sie unterwegs; kein Wunder, so ganz ohne die Energie, die in Tierk\u00f6rpern steckt, Eisenmangel wahrscheinlich, habt ihr ja schlie\u00dflich auch nach euren Tagen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Was Frauen einmal mehr demonstriert, wie unangenehm M\u00e4nner werden k\u00f6nnen, wenn das Gef\u00fchl sie anlangt, dass ihnen jemand einen ihrer Altherrengen\u00fcsse verderben will; und dass sie, in die Enge getrieben, lieber mit Witzeleien um sich hauen, als sich mit einer Sache ernsthaft auseinanderzusetzen. Die Sache ist ja die: Mit ziemlich allen Argumenten, die Vegetarier f\u00fcr ihren Standpunkt vortragen k\u00f6nnten, haben sie Recht. Sich von Gem\u00fcse, Fr\u00fcchten, Getreide zu ern\u00e4hren, von dem also, was die Erde hergibt, ohne dass man daf\u00fcr t\u00f6ten m\u00fcsste, f\u00fchrt nicht zu Mangelerscheinungen \u2013 umso weniger, als jene Menschen, die mit ihrem Speiseplan aus dem Mainstream ausbrechen, sich meistens sehr bewusst dar\u00fcber informiert haben, was der menschliche Stoffwechsel ben\u00f6tigt, um gesund bleiben und gut funktionieren zu k\u00f6nnen. Auch die gebetsm\u00fchlenhafte M\u00e4kelei, dass eine Kost ohne tierische Produkte auf Dauer unertr\u00e4glich langweilig sei, bezeugt nur den Willen, die Realit\u00e4t nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wer sich einmal in einem modernen Bio-Supermarkt umgesehen hat, kommt nicht umhin, mit Erstaunen festzustellen, wie abwechslungsreich und interessant man als zeitgen\u00f6ssischer Vegetarier satt werden kann \u2013 auch ohne die albernen Ersatz-W\u00fcrstchen und Schwindel-Schnitzel, die eine Beleidigung sowohl f\u00fcr Fleischliebhaber als auch f\u00fcr Tofu-Kenner sind.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/35033\/2\/1\">http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/35033\/2\/1<\/a><br \/>6.12.2010<\/p><\/p>\n<p>Aufrufe: 81<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vegetarier zu sein ist gerade in Mode. Das kann nerven. Aber sie haben dann eben doch v\u00f6llig Recht. Ein Essay \u00fcber die guten Gr\u00fcnde f\u00fcr den Fleischverzicht. VON PETER PRASCHL Es w\u00e4re sicher ein sch\u00f6ner Abend unter Freunden geworden. 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