{"id":1609,"date":"2020-03-24T16:16:41","date_gmt":"2020-03-24T15:16:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tierversuchsgegner.at\/wpibt\/2020\/03\/24\/du-sollst-toeten-der-mexikanische-torero-cristian-hernandez-hat-gegen-das-elementarste-gebot-des-stierkampfs-verstossen-er-ist-davongelaufen-jetzt-hat-er-ein-problem\/"},"modified":"2020-03-24T16:16:41","modified_gmt":"2020-03-24T15:16:41","slug":"du-sollst-toeten-der-mexikanische-torero-cristian-hernandez-hat-gegen-das-elementarste-gebot-des-stierkampfs-verstossen-er-ist-davongelaufen-jetzt-hat-er-ein-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tierversuchsgegner.at\/wpibt\/2020\/03\/24\/du-sollst-toeten-der-mexikanische-torero-cristian-hernandez-hat-gegen-das-elementarste-gebot-des-stierkampfs-verstossen-er-ist-davongelaufen-jetzt-hat-er-ein-problem\/","title":{"rendered":"Du sollst t\u00f6ten Der mexikanische Torero Cristian Hern\u00e1ndez hat gegen das elementarste Gebot des Stierkampfs versto\u00dfen \u2013 er ist davongelaufen. Jetzt hat er ein Problem."},"content":{"rendered":"<p>VON GUIDO MINGELS<\/p>\n<p>Ein Mann mit einem viel zu gro\u00dfen Sombrero auf dem Kopf geht durch die Zuschauerreihen und verkauft geschnetzelten Stierpenis an Tabascosauce. Unten im Ring stirbt gerade ein Bulle. Er hei\u00dft Monta\u00f1es, ein Berg von einem Tier, fast 500 Kilo schwer. Ein meterlanges Schwert steckt bis zum Griff in seinem Nacken, rot gl\u00e4nzt sein blut\u00fcberstr\u00f6mter R\u00fccken, die geschwollene Zunge h\u00e4ngt aus dem Maul, Urin rinnt unkontrolliert aus seinem Geschlecht in den Sand. Das Tier steht still, es wei\u00df noch nicht, dass es tot ist.<\/p>\n<\/p>\n<p><p>\u00bbViril\u00ab nennt man die Nascherei, wie sonst, der Mann mit dem Sombrero bietet sie in kleinen Plastikbechern aus seinem Bauchladen an, zu 20 mexikanischen Pesos die Dosis, etwa ein Euro. Soll potent machen. Sieht aus wie Litschi, f\u00fchlt sich im Mund an wie Tintenfisch, nur glibbriger. Schmeckt nach: Tabasco. Cristian Hern\u00e1ndez, zum Zuschauen verbannt, Held und Verr\u00e4ter, l\u00e4sst sich eine Portion geben, spie\u00dft ein St\u00fcck ums andere mit einem Zahnstocher auf und hat schwer zu kauen. An seinem Imbiss und an allem anderen auch. Torero sin huevos, nennen sie ihn, seit dem 13. Juni 2010. Torero ohne Eier.<\/p>\n<\/p>\n<p>Doch hier, in San Luis de la Paz, einer staubigen Kleinstadt sechs Autostunden n\u00f6rdlich von Mexico City, gibt es etwas zu feiern an diesem 25. August, dem Todestag des heiligen Ludwig, zu dessen Ehren heute sechs Stiere verenden werden. Die spanischen Eroberer hatten im 16. Jahrhundert nicht nur Mord, Totschlag und Windpocken mitgebracht, sondern auch Kampfspiele mit Stieren. Mexiko ist nach Spanien das Land mit der zweitgr\u00f6\u00dften Anzahl von Stierkampfarenen. Mehr als dreihundert sind es, und in der Hauptstadt steht mit der 50 000 Zuschauer fassenden Plaza de Toros M\u00e9xico die weltgr\u00f6\u00dfte Anlage ihrer Art. Corrida hei\u00dft der Stierkampf in Spanien, Fiesta Brava in Mexiko.<\/p>\n<p><p>Eine mobile Arena ist aufgebaut worden in San Luis de la Paz, ein Paso-Doble-Orchester tr\u00f6tet seine Weisen, die gekr\u00f6nte Miss San Luis ist winkend in einem VW K\u00e4fer Cabrio durch den Ring gefahren worden. 3000 Leute sind gekommen, sechs Matadores werden ihren Todesmut beweisen, keine gro\u00dfen Namen, wir sind in der Provinz. \u00bbMatador\u00ab kommt von \u00bbmatar\u00ab, t\u00f6ten: der, der t\u00f6tet. \u00bbWas soll ich tun?\u00ab, fragt Cristian Hern\u00e1ndez, ersch\u00f6pft und verzagt, am 13. Juni in der Plaza de Toros M\u00e9xico, seinen Assistenten, der hinter der Barrera steht, der sch\u00fctzenden Holzwand, die den Ring umgibt. Es regnet in Str\u00f6men. Der Stier schnaubt. \u00bb\u00a1M\u00e1talo!\u00ab, sagt der Assistent. T\u00f6te ihn. Dann rennt Cristian davon. Vor dem Stier und vor seinem ganzen bisherigen Leben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Der junge Mann, 22, verf\u00fcgt \u00fcber die Traumma\u00dfe eines Toreros, schlank und kaum l\u00e4nger als einssiebzig, wohingegen gro\u00dfen, muskul\u00f6sen M\u00e4nnern die Wendigkeit vor dem Bullen fehlt, sie sehen grobschl\u00e4chtig aus in der prachtvoll glitzernden Berufsmontur, der Traje de Luces, Anzug der Lichter. Seine breiten Schultern verhelfen Cristian dennoch zu einer unmissverst\u00e4ndlichen M\u00e4nnlichkeit und einer imposanten Statur vor dem Feind. Schlie\u00dflich \u2013 nicht unwichtig f\u00fcr die Karriere, die er sich erhoffte \u2013 hat er ein ausgesprochen h\u00fcbsches Gesicht.<\/p>\n<\/p>\n<p>Cristian konnte kaum gehen, da nahm ihn sein Vater Rom\u00e1n schon mit zur allsonnt\u00e4glichen Fiesta Brava in der Arena seiner Heimatstadt Santiago de Quer\u00e9taro. Mit zw\u00f6lf war er ein Becerrista, K\u00e4lberk\u00e4mpfer, und \u00fcbte sich gegen Jungbullen, denen kein erwachsener Mann, des Stierkampfs unkundig, jemals nahe zu kommen wagen w\u00fcrde. Mit 17 ernannte man ihn zum Novillero, Novizen, und er t\u00f6tete seinen ersten ausgewachsenen Stier vor Publikum. 115 Kampfbullen hat er in seiner bisherigen Laufbahn den Todessto\u00df versetzt, ein Dutzend Mal ist er verwundet worden dabei, dreimal schwer.<\/p>\n<\/p>\n<p>Der Kampf in Mexico City am 13. Juni sollte sein letzter sein vor seiner Weihe zum Matador, ein Titel, den erst gereifte und erfahrene Stierk\u00e4mpfer tragen d\u00fcrfen. Alles, was bisher geschehen war im Leben des Cristian Hern\u00e1ndez, lief auf diesen Tag zu, auf die Erf\u00fcllung seines Traums. Doch am 13. Juni geht der Videobeweis seiner Flucht vor dem Stier via YouTube um die Welt. Mehr als hunderttausend Menschen haben diesen siebzig Sekunden kurzen Film angeklickt, auf dem man einen jungen Torero sehen kann, der mit kurzen Schritten, zu denen ihn sein enges Kost\u00fcm zwingt, \u00fcber den Sand wieselt, sein Schwert und sein rotes Kampftuch fallen l\u00e4sst und sich dann Kopf voran \u00fcber die rettende Schutzwand st\u00fcrzt. Man sieht auch den Stier, der zur\u00fcckbleibt auf dem Feld, ratlos und nicht wissend, dass der Kampf vorbei ist. Sofort halten Reporter dem Torero Mikrofone ins Gesicht, und er sagt diesen Satz, den er sp\u00e4ter bereut: \u00bbMe faltaron huevos, esto no es lo mio.\u00ab \u00bbMir haben einfach die Eier gefehlt, das hier ist schlicht nicht mein Ding.\u00ab<\/p>\n<\/p>\n<p>Dann geht er zur\u00fcck in den leeren Ring und schneidet sich die Coleta ab, den k\u00fcnstlichen Haarzopf im Nacken, den jeder Torero tr\u00e4gt als Zeichen seines Berufsstandes, eine Geste, die ein Stierk\u00e4mpfer normalerweise erst beim \u00dcbertritt in den Ruhestand vollf\u00fchrt. Cristian zeigt dem Publikum das geflochtene B\u00fcschel Haar, reckt es kurz in die Luft, so wie er fr\u00fcher unter Akklamationen der Aficionados die abgeschnittenen Ohren besiegter Bullen pr\u00e4sentierte, die ihm verliehen worden waren als Auszeichnung f\u00fcr einen besonders gelungenen Kampf. An diesem Tag aber wird er ausgebuht f\u00fcr seine Feigheit vor dem Stier.<\/p>\n<\/p>\n<p>\u00bbStierk\u00e4mpfer in Panik\u00ab, titelt Semana News. \u00bbHorror vor den H\u00f6rnern\u00ab, behauptet Sky News. \u00bbEin Torero kommt zu Sinnen\u00ab, glaubt der Guardian zu wissen. \u00bbGefl\u00fcchteter Matador muss Strafe zahlen\u00ab, schreibt die Times of India. Denn die Schmach ist noch lang nicht zu Ende f\u00fcr Cristian Hern\u00e1ndez. Er wird noch in der Arena verhaftet wegen Vertragsbruchs, da er sich verpflichtet hatte, den Stier zu t\u00f6ten. Als er in einem Dienstwagen zur n\u00e4chsten Polizeiwache gefahren werden soll, h\u00e4lt der Mob das Auto auf, h\u00e4mmert auf das Dach, manche gie\u00dfen Bier dar\u00fcber, sie schreien \u00bb\u00a1Pendejo!\u00ab, Feigling, \u00bb\u00a1Huev\u00f3n!\u00ab, Schlappschwanz, \u00bb\u00a1Maricon!\u00ab, schwule Sau, m\u00fchsam bahnt sich der Wagen einen Weg. Auf der Wache wird er verh\u00f6rt, dann sperrt man ihn drei Stunden in eine Zelle, l\u00e4sst ihn warten, denn die Beamten m\u00fcssen erst einmal herausfinden, wie mit einem solchen Delinquenten zu verfahren sei. Schlie\u00dflich wird ihm beschieden, dass das Gesetz eine Bu\u00dfe von dreihundert Tagess\u00e4tzen Mindestlohn vorsehe, 16 000 Pesos, 950 Euro. Dann lassen sie ihn laufen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Anderntags verk\u00fcndet die mexikanische Stierk\u00e4mpfervereinigung, dass Cristian Hern\u00e1ndez mit sofortiger Wirkung aus dem Verband ausgeschlossen sei. Drei Tage darauf erh\u00e4lt Cristian eine E-Mail einer gewissen Ingrid Newkirk, der Pr\u00e4sidentin der zwei Millionen Mitglieder umfassenden amerikanischen Tierschutzorganisation PETA, die ihm zu seiner Entscheidung gratuliert, den Stier nicht zu t\u00f6ten. Sie hat eine Ehrenurkunde mit dem Titel Echte M\u00e4nner qu\u00e4len keine Tiere beigef\u00fcgt und bietet an, das Bu\u00dfgeld zu bezahlen. Die Nachrichten der Stierkampfgegner treffen im Dutzend bei ihm ein, eine Sina Merete aus Norwegen schreibt: \u00bbDu hast der Welt gezeigt, dass du nicht mehr mitmachen willst bei dieser Schlachterei! Thank you so much!!\u00ab Sein<\/p>\n<p>Facebook-Account quillt \u00fcber von Freundschaftsanfragen, vor allem von Frauen, er hat inzwischen 4041 Online-Freunde rund um den Globus. \u00bbDas Leben geht weiter\u00ab, hat Daniela gepostet, \u00bbdu hast mehr Eier als alle anderen\u00ab, schreibt Zarii, \u00bbwir brauchen mehr M\u00e4nner wie dich!\u00ab, sagt Margerita, zu ihm, dem Torero, dieser reinsten Verk\u00f6rperung des Latino-Machos. Sie lieben ihn f\u00fcr seinen Mut zur Schw\u00e4che, f\u00fcr seine zur Schau gestellte Angst, ihn, den Stierk\u00e4mpfer, den Killer.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/34976\">http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/34976<\/a><br \/>25.11.2010<\/p><\/p>\n<p>Aufrufe: 184<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VON GUIDO MINGELS Ein Mann mit einem viel zu gro\u00dfen Sombrero auf dem Kopf geht durch die Zuschauerreihen und verkauft geschnetzelten Stierpenis an Tabascosauce. Unten im Ring stirbt gerade ein Bulle. 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